Nach der Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 schien das Schicksal der Kernkraft besiegelt zu sein. Doch der große Energiehunger der Welt, der noch dazu klimaneutral gestillt werden muss, hat der Atomkraft in den letzten Jahren eine Renaissance beschert. Die größten Hoffnungen bei ihrem Comeback ruhen auf Small Modular Reactors (SMR). Die kompakten und flexibel aufgebauten Kernkraftwerke sollen die großen Nachteile klassischer Atommeiler endgültig beheben. Aber tun sie das auch und sind sie wirklich ein Allheilmittel für die globale Energieversorgung? In diesem Ratgeber lernst Du alles Wissenswerte über diesen neuen Reaktortyp und erfährst, wie Du an der Börse an diesem potenziellen Megatrend partizipieren kannst.
☝️ Das Wichtigste in aller Kürze
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Small Modular Reactors (SMR) sind Kernreaktoren der nächsten Generation, die deutlich kleiner und flexibler sind als herkömmliche Atomkraftwerke.
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Ihre Hauptvorteile sind eine schnellere Produktion durch industrielle Modulbauweise, niedrigere Investitionskosten, eine flexiblere Standortwahl und überlegene Sicherheitssysteme.
- Es existieren über 120 unterschiedliche SMR-Konzepte, von denen aktuell rund 70 aktiv entwickelt werden.
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Vorreiter auf dem Gebiet von SMR sind China und Russland, wo bereits Reaktoren im kommerziellen Betrieb sind.
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Zahlreiche Unternehmen aus den USA und Europa haben in den letzten Jahren ebenfalls SMR-Designs entwickelt, die in den kommenden Jahren in Pilotanlagen getestet werden.
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Die Schätzungen für die Marktentwicklung von SMR sind aufgrund zahlreicher ungeklärten technologischer Fragen und der noch nicht begonnenen Kommerzialisierung sehr unsicher.
Was ist ein Small Modular Reactor?
Wie die Bezeichnung bereits zum Ausdruck bringt, handelt es sich bei einem Small Modular Reactor (SMR) um einen Kernreaktor der nächsten Generation, der deutlich kleiner und flexibler ist als herkömmliche Atomkraftwerke. Bei einem SMR handelt es sich um einen kleinen Reaktor, der eine Leistung von bis zu 300 Megawatt besitzt. Ein klassisches Kernkraftwerk hat demgegenüber eine Leistung von rund 1.400 Megawatt.
Die zweite charakteristische Eigenschaft eines SMR ist seine modulare Bauweise. Im Gegensatz zu einem klassischen Atomkraftwerk werden die Bauteile nicht auf einer Großbaustelle gefertigt, sondern serienmäßig in Fabriken am Fließband produziert. Die Einzelteile eines Small Modular Reactors besitzen so kompakte Maße, dass sie auf konventionellen LKW oder Eisenbahnwaggons transportiert werden können. Am Zielort werden die fertigen Module nur noch zusammengesetzt.
In Sachen Technologie unterscheidet sich ein SMR hingegen nicht von einem herkömmlichen Atomkraftwerk. Die Energieerzeugung basiert ebenfalls auf der Kernspaltung, nutzt aber teilweise andere Kühlmittel wie Flüssigmetall, Gas oder Salzschmelzen anstelle von Wasser.
Zusammenfassend lässt sich ein SMR somit als Mini-Atomkraftwerk in Modularbauweise beschreiben.
Was sind die Vorteile von SMR gegenüber klassischen AKW?
Small Modular Reactors wurden entwickelt, um die klassischen Probleme von Atomkraftwerken zu lösen. Diese kranken unter sehr hohen Baukosten, die nicht selten die ursprünglichen Planungen deutlich überschreiten. Hinzu kommen extrem lange Planungs- und Bauzeiten. Und nicht zuletzt sind herkömmliche Atomkraftwerke aufgrund ihres hohen Wasserbedarfs für die Kühlung an gewässernahe Standorte gebunden, die oftmals weit von den Verbrauchszentren entfernt liegen.
SMR verfolgen auf Basis einer modularen Fließbandfertigung einen anderen Ansatz. Anstatt jedes Kraftwerk als Unikat auf einer Baustelle zu fertigen, sollen die Bauteile kostengünstig und schnell in speziellen Fabriken vorgefertigt werden. Schätzungen zufolge kann ein Small Modular Reactor innerhalb von zwei bis drei Jahren errichtet werden, während große AKW häufig eine Bauzeit von zehn Jahren überschreiten.
Ein weiterer Vorteil von SMR gegenüber Groß-AKW ist das geringere Investitionsrisiko. Anstatt zweistellige Milliardenbeträge für ein großes Kraftwerk aufbringen zu müssen, reicht für die Errichtung eines Small Modular Reactors ein Betrag von rund 500 Millionen €.
Hinzu kommt der Vorteil, dass die Module flexibel in Betrieb genommen werden können. Sofern sich ein SMR als zu klein herausstellen sollte, können in den Folgejahren weitere Reaktoren am selben Standort hinzugebaut werden.
Auch in puncto Standort sind SMR wesentlich flexibler als klassische Atomkraftwerke. Sie benötigen nur etwa ein Drittel der Fläche eines Groß-AKW und können deshalb wesentlich näher an Industrieanlagen oder Siedlungen gebaut werden. Die Energie wird demnach dort produziert, wo man sie benötigt.
Aufgrund des Einsatzes alternativer Kühlmittel sind SMR auch nicht auf eine Lage am Wasser angewiesen. Zudem können sie oft die vorhandene Infrastruktur, wie beispielsweise die Netzanschlüsse, von stillgelegten Kohlekraftwerken weiternutzen.
Nicht zuletzt stellen auch die Sicherheitssysteme von SMR einen großen Vorteil dar. Viele SMR-Designs nutzen physikalische Prinzipien wie Schwerkraft oder natürliche Konvektion. Bei einem Stromausfall kühlt sich der Reaktor von selbst ab, ohne dass Pumpen oder menschliches Eingreifen nötig sind. Da der Reaktorkern zudem viel kleiner ist als bei einem Groß-AKW, ist auch die Menge an radioaktivem Material und die potenzielle Nachzerfallswärme deutlich geringer, was das Risiko einer Kernschmelze massiv reduziert.
Was ist der aktuelle Entwicklungsstand von SMR?
Erste Ansätze zum Bau kleiner Kernreaktoren gab es bereits in den 1950er-Jahren. Im Rahmen des damaligen Nuclear Power Program der US Army wurden diverse modulare Miniaturreaktoren erprobt, die von den US-Streitkräften schnell und einfach transportiert werden konnten. Verbreitete Anwendung fanden SMR bislang nur in Atom-Unterseebooten. Deren Designs sind jedoch streng geheim — ein Technologietransfer in die zivile Stromerzeugung fand deshalb bis heute nicht statt.
In den vergangenen Jahren hat die Entwicklung von SMR im Zuge der globalen Renaissance der Atomkraft neuen Schub bekommen. Schätzungen zufolge existieren weltweit über 120 verschiedene SMR-Designs, von denen rund 70 aktuell aktiv entwickelt werden.
Bislang gibt es mit China und Russland derzeit nur zwei Länder auf der Welt, in denen SMR den Sprung vom Labor in die Praxis geschafft haben. Herzstück des russischen SMR-Programms ist das vom staatlichen Rosatom-Konzern betriebene schwimmende Kraftwerk „Akademik Lomonosov“, das aus zwei SMR-Einheiten besteht und auf der bewährten Antriebstechnologie der Atomeisbrecher basiert. Das Kraftwerk versorgt seit 2020 die abgelegene Tschukotka-Region in der Arktis.
Nächster Schritt in Russland ist der Bau eines landbasierten SMR. In der jakutischen Region Ust-Kuiga entsteht derzeit ein SMR-Kraftwerk, das bis 2028 in Betrieb gehen soll.
Im Unterschied zu Russland ist in China bereits ein landgestützter Small Modular Reactor in Betrieb. Der von der China National Nuclear Corporation entwickelte und gebaute Linglong One gilt als der weltweit erste kommerzielle, landbasierte SMR. Nachdem im Oktober 2025 die Kernfunktionstests und im Dezember 2025 die Dampfturbinentests erfolgreich abgeschlossen wurden, befindet sich der Reaktor aktuell in der finalen Phase.
Die Aufnahme des kommerziellen Betriebs ist für das erste Halbjahr 2026 geplant. Mit einer Leistung von 125 MW soll der Linglong One rund eine halbe Million Haushalte mit Strom versorgen.
Zudem betreibt China bereits seit Ende 2023 den weltweit ersten modularen Hochtemperatur-Kugelhaufenreaktor in Shidaowan. Im vergangenen Jahr wurden Sicherheitsdemonstrationen durchgeführt, die bewiesen haben, dass der Reaktor selbst bei totalem Stromausfall passiv abkühlt, ohne dass eine Kernschmelze möglich ist. Für 2026 ist der Baustart bzw. die Planung größerer Einheiten angekündigt, um eine Gesamtleistung von 600 Megawatt zu erzielen.
Sowohl für Russland als auch für China spielen Small Modular Reactors eine zentrale Rolle für die landesweite Energieversorgung. Aufgrund der sehr dünnen Besiedlung Russlands und der teilweise sehr dichten Bebauung Chinas, die die Errichtung herkömmlicher Kernkraftwerke verhindert, stellen SMR eine sinnvolle Alternative dar. Die chinesische Zentralregierung hat in ihrem Anfang 2026 vorgestellten Entwurf des neuen 5-Jahres-Planes die Kernenergie und vor allem SMR als Zukunftsenergie und strategische Industrie eingestuft.
Wie entwickelt sich der Markt für SMR?
Der Markt für Small Modular Reactors befindet sich gegenwärtig in einer entscheidenden Übergangsphase von theoretischen Konzepten und Pilotstudien hin zu ersten kommerziellen Realisierungen. Obwohl Kritiker weiterhin vor der hohen Kosten und den ungeklärten Müllentsorgungsfragen warnen, hat die Dynamik durch den Fokus auf Energiesicherheit und die Dekarbonisierung der Industrie massiv zugenommen.
Den Schätzungen verschiedener Marktforschungsinstituten zufolge besitzt der Markt für Small Modular Reaktors 2026 ein Volumen zwischen 6 und 7 Milliarden €. Die Prognosen für die zukünftige Entwicklung des SMR-Marktes variieren jedoch sehr stark. Die Bandbreite der geschätzten Wachstumsraten in den kommenden zehn Jahren liegt zwischen 5 und 15% pro Jahr. Einige optimistische Studien, die eine frühzeitige serielle Fertigung zugrundelegen, sehen sogar jährlich Wachstumsraten von bis 27%.
Dementsprechend weit klaffen auch die Schätzungen der in Zukunft installierten Gesamtkapazität von SMRs auseinander. Die Bandbreite reicht von 40 bis 120 Gigawatt im Jahr 2050.
Welche US-Unternehmen entwickeln und bauen SMR?
Während in China und Russland die Entwicklung und der Bau von Small Modular Reactors unter staatlicher Führung bzw. Kontrolle stattfindet, liegt die Federführung auf diesem Gebiet in den USA bei Privatunternehmen. Nachfolgend findest Du Kurzporträts der derzeit wichtigsten US-Unternehmen in der SMR-Entwicklung.
GE Hitachi Nuclear Energy
GE Hitachi Nuclear Energy ist ein im Jahr 2007 gegründetes Joint Venture zwischen dem US-Energietechnikkonzern GE Vernova (60%) und dem japanischen Hitachi-Konzern (40%). GE Hitachi ist das derzeit führende Unternehmen bei der Kommerzialisierung von Small Modular Reactors, da es bereits über umsetzbare SMR-Designs verfügt.
Kernprodukt ist der BWRX-300, ein SMR mit einer Leistung von 300 Megawatt. Er ist ein Siedewasserreaktor, der auf dem Design des großen ESBWR-Reaktors basiert, welcher bereits eine US-Zulassung besitzt. Durch die Vereinfachung des Designs benötigt der SMR laut Hersteller bis zu 90% weniger Beton und Stahl pro Megawatt im Vergleich zu herkömmlichen Reaktoren. Er nutzt natürliche Zirkulation zur Kühlung und benötigt im Notfall keine externen Pumpen oder Stromquellen.
Im kanadischen Darlington entsteht seit Mai 2025 das weltweit erste kommerzielle SMR-Projekt der westlichen Welt. Der Netzanschluss des GE Hitachi SMR soll bis 2030 erfolgen. Weitere Projekte in Großbritannien, Polen, den USA und mehreren ostasiatischen Ländern sind in der Planungsphase.
NuScale Power
NuScale Power wurde 2007 gegründet und gilt als einer der Pioniere unter den US-Unternehmen auf dem Gebiet der Small Modular Reactors. Es ist das erste und bisher einzige Unternehmen, dessen Reaktordesign bereits offizielle Zertifizierungen für zwei Reaktormodule von der US-Atomaufsichtsbehörde NRC erhalten hat.
Besonderheit dieser Module ist das passive Sicherheitskonzept. Im Falle eines Notfalls können sie ohne Strom, ohne Pumpen und ohne menschliches Eingreifen sicher abschalten und abkühlen.
Derzeitiges Pilotprojekt von NuScale Power ist der Bau eines SMR-Kraftwerks am Standort eines ehemaligen Kohlekraftwerks in Doicești in Rumänien. Die Inbetriebnahme ist für 2030 anvisiert. Zudem arbeitet das Unternehmen mit der Tennessee Valley Authority und ENTRA1 Energy an einem Großprojekt zur Stromversorgung in sieben US-Bundesstaaten.
NuScale Power notiert seit Mai 2022 an der Börse.
Oklo
Das 2021 gegründete Nukleartechnologieunternehmen Oklo ist eines der jüngsten, aber zugleich innovativsten Unternehmen auf dem Gebiet der SMR. Oklo fokussiert sich auf die Entwicklung von Mikroreaktoren mit einer Leistung von 15 bis 100 Megawatt. Diese basieren auf der Fast Fission-Technologie, die HALEU (High-Assay Low-Enriched Uranium) als Brennstoff verwendet. Der Vorteil dieser Technologie liegt darin, dass die Reaktoren auch recycelten Atommüll aus herkömmlichen Kraftwerken als Brennstoff nutzen können.
Ein weiterer Vorteil der Mikroreaktoren von Oklo sind ihre sehr kompakten Maße. Sie sind so klein, dass sie sogar in normalen Gebäuden untergebracht werden können.
Im September 2025 hat Oklo mit dem Bau des Pilotreaktors „Aurora Powerhouse“ am Idaho National Laboratory begonnen. Mitte März 2026 wurde das Sicherheitsdesign des SMR vom US-Energieministerium bestätigt. Der erste Test der nuklearen Kettenreaktion ist Mitte des Jahres geplant. Ab 2028 soll der Reaktor in den kommerziellen Betrieb übergeben. Ab 2030 sollen Reaktoren von Oklo für die Energieversorgung eines Rechenzentrumcampus von Meta Platforms eingesetzt werden.
Oklo notiert seit Mai 2024 an der Börse.
TerraPower
TerraPower ist ein 2006 von Bill Gates mitgegründetes US-amerikanisches Nuklearunternehmen. Anfang März 2026 erhielt das Unternehmen von der US-Aufsichtsbehörde NRC die erste Baugenehmigung für einen kommerziellen Reaktor der nächsten Generation (einen Nicht-Leichtwasserreaktor) seit über 40 Jahren.
In Kemmerer im US-Bundesstaat Wyoming baut TerraPower derzeit sein erstes Kraftwerk auf dem Gelände eines stillgelegten Kohlekraftwerks. Mit der Genehmigung durch die NRC kann nun auch der Bau der nuklearen Komponenten des Kraftwerks beginnen.
Besonderheit des TerraPower-SMR ist, dass es sich um einen Natrium-Reaktor handelt. Statt mit Wasser wird der Reaktor mit flüssigem Natrium gekühlt. Dies ermöglicht den Betrieb bei normalem Luftdruck, was die Sicherheit erhöht, und führt zu einer effizienteren Hitzeübertragung. Der Reaktor verfügt über ein integriertes Salzschmelze-Speichersystem. Er kann konstant 345 Megawatt Strom liefern, bei Bedarf aber kurzzeitig auf bis zu 500 Megawatt hochfahren – ideal, um Schwankungen von Wind- und Solarenergie auszugleichen. Zieldatum für die Inbetriebnahme ist das Jahr 2030.
X-Energy
X-Energy ist ein 2009 gegründetes Nukleartechnologieunternehmen, das führend in der Entwicklung von Kernreaktoren der Generation IV und spezialisiert auf Hochtemperatur-Gasreaktoren ist. Im Gegensatz zu wassergekühlten Reaktoren nutzen die SMR von X-Energy Helium als Kühlmittel und Graphit als Moderator.
Die Hochtemperatur-Gasreaktoren des Unternehmens punkten mit zwei Vorteilen. Zum einen liefert der Reaktor Dampf mit Temperaturen von bis zu 565 °C. Das macht ihn extrem attraktiv für die chemische Industrie oder Raffinerien, die für ihre Prozesse nicht nur Strom, sondern auch enorme Hitze benötigen. Zum anderen kann der SMR durch die niedrige Leistungsdichte und das Heliumgas selbst bei einem totalen Stromausfall nicht schmelzen.
Im März hat X-Energy eine Kooperation mit Talen Energy bekanntgegeben, bei der es um den Bau von mindestens drei Hochtemperatur-Gasreaktoren im Osten der USA geht, die primär zur Versorgung von Rechenzentren genutzt werden sollen. Gleichzeitig plant das Unternehmen vier SMR in einem Werk des Chemiekonzerns Dow in Texas. Der Baubeginn ist zum Jahresende vorgesehen. Nicht zuletzt hat die Tochtergesellschaft TRISO-X im Februar die erste NRC-Lizenz der USA für eine kommerzielle Fabrik zur Herstellung von HALEU-Brennstoff erhalten. Die Fabrik im Bundesstaat Tennessee soll 2027 den Betrieb aufnehmen.
X-Energy wird in Kürze an die Börse gehen. Ende März hat das Unternehmen den Antrag für ein IPO an der Technologiebörse Nasdaq eingereicht.
Welche europäischen SMR-Entwickler gibt es?
Während die USA in den letzten Jahren bei der Entwicklung von Small Modular Reactors Europa meilenweit voraus waren, hat der alte Kontinent in jüngster Vergangenheit deutlich aufgeholt. Im März 2026 verabschiedete die Europäische Kommission eine eigene SMR-Strategie, um die Abhängigkeit von US-amerikanischer und chinesischer Technologie auf diesem Gebiet zu verringern.
Dies sind die aktuell wichtigsten europäischen Player in der SMR-Branche:
Newcleo (Frankreich / Großbritannien / Italien): Newcleo ist eines der ambitioniertesten Startups der europäischen Nukleartechnologieindustrie. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, die Kernkraft durch die Nutzung von Atommüll als Brennstoff nachhaltig zu machen. Die Reaktoren nutzen MOX-Brennstoff (Mixed Oxide), der aus radioaktiven Abfällen herkömmlicher Kernkraftwerke gewonnen wird. So „verbrennt“ Newcleo die langlebigen Altlasten der heutigen Reaktorflotten und reduziert deren Lagerzeit und Gefährlichkeit drastisch. Technologisch basieren die SMR auf der LFR-Technologie (Lead-cooled Fast Reactors – bleigekühlte schnelle Reaktoren) der 4. Generation. Newcleo entwickelt derzeit zwei SMR-Typen: einen kleinen 30-MW-Reaktor für industrielle Anwendungen und einen großen 200-MW-Reaktor für die großflächige Stromversorgung. Die Arbeiten am ersten nicht-nuklearen Prototyp in Italien sollen bis Ende 2026 abgeschlossen sein. 2030 soll der erste nukleare 30-MW-SMR getestet werden.
Nuward (Frankreich): Nuward ist eine 100%ige Tochtergesellschaft des französischen Energiekonzerns EDF, die für die Entwicklung von SMR gegründet wurde. Auch das Design der Nuward-SMR basiert auf Druckwasserreaktoren, die eine Gesamtleistung von knapp 400 Megawatt bieten. Das kompakte Design der SMR soll es ermöglichen, alte Kohlekraftwerke eins-zu-eins zu ersetzen, indem es deren bestehende Netzanschlüsse und Kühlwasserinfrastruktur nutzt. Das Design soll bis Mitte des Jahres abschlossen werden. Bis 2030 ist der Bau eines Referenzkraftwerks in Frankreich geplant.
Rolls-Royce (Großbritannien): Der britische Industriekonzern baut Reaktoren, die sich mit einer Leistung von knapp 500 Megawatt eigentlich nicht mehr als SMR qualifizieren. Rolls-Royce setzt dabei auf das bewährte Design eines Druckwasserreaktors und nutzt seine jahrzehntelange Erfahrung aus dem Bau von Reaktoren für die britische U-Bootflotte. Der Abschluss der Sicherheitsüberprüfung ist für 2027 geplant.
Steady Energy (Finnland): Steady Energy wurde 2023 als Spin-off des staatlichen finnischen Forschungszentrums VTT gegründet. Das Startup hat sich auf die Entwicklung von SMR einer ganz besonderen Art spezialisiert. Ihre Reaktoren erzeugen keinen Strom, sondern ausschließlich Wärme. Herzstück ist der Reaktortyp LDR-50, der auf niedrige Temperaturen (ca. 150°C) und geringen Druck (ca. 10 bar) ausgelegt ist. Durch diese besonderen Betriebseigenschaften und das vereinfachte Design ohne Turbinen (da kein Strom erzeugt wird) ist die Anlage deutlich günstiger, sicherer und kompakter als herkömmliche Atomkraftwerke. Sie kann sogar unterirdisch in Städten installiert werden. Seit Februar 2026 ist eine Pilotanlage in einem ehemaligen Kohlekraftwerk in Helsinki in Bau.
Thorizon (Frankreich / Niederlande): Das französisch-niederländische Unternehmen ging 2018 als Spin-off des renommierten Energieforschungsinstituts NRG (Nuclear Research and Consultancy Group) hervor. Thorizon entwickelt mit dem Thorizon One einen kleinen SMR der 4. Generation, der ca. 250 Megawatt Leistung liefert. Bei diesem SMR handelt es sich um einen Flüssigsalzreaktor, der Atommüll als Brennstoff nutzen kann. Da der Brennstoff flüssig ist, benötigt der Reaktor keinen hohen Druck. Bei einem Fehler erstarrt das Salz und schließt das radioaktive Material sicher ein. Das Herz des Reaktors besteht aus Modulen, die alle fünf bis zehn Jahre ausgetauscht werden. Damit löst Thorizon das größte Problem von Flüssigsalzreaktoren – die Korrosion. Anstatt Materialien zu entwickeln, die Jahrzehnte lang aggressivem Salz standhalten müssen, nutzt das Unternehmen heute verfügbare Materialien. Im März 2026 ging Thorizon eine Partnerschaft mit dem südkoreanischen Industriekonzern Hyundai E&C ein, um den Bau und die Auslieferung der Reaktoren zu beschleunigen. Gleichzeitig läuft derzeit in den Niederlanden die Bewertung potenzieller Standorte für eine erste Demonstrationsanlage.
Was sind die Chancen von SMR?
Small Modular Reactors gelten als einer der Hoffnungsträger für die globale Energiewende, da sie die Vorteile der Kernkraft nutzen und gleichzeitig einige der großen Nachteile dieser umstrittenen Technologie beheben. Die Chancen von SMR liegen vor allem in den folgenden vier Faktoren:
Kostensenkung und Schnelligkeit
Der Bau klassischer Atom(groß)kraftwerke zieht sich oftmals über mehr als 15 Jahre und verschlingt Milliardensummen. In der Regel überschreiten AKW die ursprünglich geplanten Baukosten um ein Vielfaches.
SMR sind mit Kosten von rund 500 Millionen US$ wesentlich günstiger. Durch die modulare, industrielle Serienfertigung liegen die Kosten pro Megawattstunde bei höheren Stückzahlen deutlich unter dem Niveau klassischer AKW. Gleichzeitig sorgen die kompakten Module, die per LKW, Bahn oder Schiff zum Einsatzort transportiert werden können, für eine deutlich schnellere Fertigstellung von SMR.
Dekarbonisierung der Industrie und Fernwärme
Neben der Stromerzeugung zielen SMR auf eine Marktlücke ab, die Wind- und Sonnenenergie allein nicht füllen können: Prozesswärme. Die Abwärme der Kraftwerke kann direkt in Städten oder Industriegebieten genutzt werden.
Passive Sicherheitssysteme
Die meisten SMR-Designs nutzen physikalische Grundgesetze, wie beispielsweise die Schwerkraft oder die natürliche Konvektion, um den Reaktor im Notfall zu kühlen. Man spricht deshalb von passiven Sicherheitssystemen.
Im Gegensatz zu herkömmlichen AKW benötigen die Reaktoren keine aktiven Pumpen oder eine externe Stromversorgung, um eine Kernschmelze zu verhindern. Zudem sind die Auswirkungen eines potenziellen Unfalls aufgrund der viel geringeren Mengen an radioaktivem Material wesentlich kleiner als bei Groß-AKW.
Flexibilität im Stromnetz
SMR sind deutlich reaktionsschneller als große Meiler. Sie können ihre Leistung schneller hoch- oder runterfahren. Das macht sie zu idealen Partnern für Stromnetze mit einem hohen Anteil an Wind- und Solarenergie, um Dunkelflauten effizient auszugleichen. Vor allem für Industrieanlagen, die auf eine zu 100% verlässliche Stromversorgung angewiesen sind, wie zum Beispiel Stahl- und Chemiewerke sowie Rechenzentren, sind SMR ein vorteilhafter Energielieferant.
Welche Risiken haben SMR?
Obwohl Small Modular Reactors eine Reihe signifikanter Vorteile sowohl gegenüber herkömmlichen AKW als auch gegenüber erneuerbaren Energiequellen haben, bringen sie eine Kombination aus technischen, wirtschaftlichen und ökologischen Risiken mit sich. Die vier wichtigsten darunter sind:
Das Skalierungsproblem
Das größte Risiko von SMR ist ihre fragliche Rentabilität. Traditionell werden Reaktoren immer größer gebaut, um die Kosten pro Kilowattstunde zu senken. Da SMR klein sind, fallen die Fixkosten (Sicherheit, Personal, Genehmigungen) pro erzeugter Energieeinheit deutlich höher aus als bei großen Kraftwerken.
Die angepeilten Kostenvorteile treten erst ein, wenn hunderte identische Module in Fabriken produziert werden. Aktuell gibt es jedoch kaum verbindliche Bestellungen für SMR, was zu einem Henne-Ei-Problem führt: Ohne Fabriken keine billigen Reaktoren, ohne billige Reaktoren keine Bestellungen für Fabriken.
Atommüll und Entsorgung
Entgegen der Hoffnung, SMR könnten das Müllproblem lösen, deuten Studien auf das Gegenteil hin. Bezogen auf die erzeugte Energieeinheit produzieren viele SMR-Designs sogar mehr radioaktiven Abfall als herkömmliche Reaktoren, da die Neutronenökonomie in kleineren Kernen oft weniger effizient ist.
Zudem leiden viele SMR-Konzepte unter einer komplexen Müllentsorgung. Bleigekühlte, gasgekühlte oder Flüssigsalz-SMR erfordern jeweils spezialisierte chemische Behandlungsverfahren für den Abfall, was die Endlagersuche zusätzlich verkompliziert.
Sicherheits- und Proliferationsrisiken
Die Chance, SMR dezentral und nahe an Städten oder Industrieanlagen bauen zu können, stellt gleichermaßen ein Risiko dar. Viele kleine Standorte sind schwerer gegen terroristische Angriffe oder Sabotage zu sichern als ein zentrales Großkraftwerk.
Außerdem benötigen einige SMR-Design höher angereichertes Uran (HALEU). Dies erhöht das Risiko der Weiterverbreitung von Material, das für Waffen genutzt werden könnte.
Fehlende Wettbewerbsfähigkeit
Kritiker von SMR bemängeln, dass SMR bereits heute nicht gegenüber erneuerbaren Energieträgern wettbewerbsfähig sind. Die Stromgestehungskosten von Solar- und Windkraft liegen mit 30 bis 60 US$ pro Megawattstunde deutlich unter denen von Small Modular Reaktors (120 bis 180 US$).
Zwar dürften sich die Stromgestehungskosten von SMR im Zuge der Massenfertigung mehr als halbieren, aber die Technologie könnte zu spät auf den Markt kommen. Experten rechnen mit einer kommerziellen Nutzung im größeren Maßstab erst ab Anfang der 2030er-Jahre. Bis dahin dürften die erneuerbaren Energien der neuen Atomkrafttechnologie sowohl bei der Kapazität als auch bei den Produktionskosten weit enteilt sein.
Kurz und knapp: 5 Fragen – 5 Antworten
Was sind Small Modular Reactors (SMR) und wie unterscheiden sie sich von herkömmlichen Atomkraftwerken?
Small Modular Reactors sind kleine, modulare Kernreaktoren mit einer Leistung von bis zu 300 Megawatt, die im Vergleich zu klassischen Atomkraftwerken, die etwa 1.400 Megawatt leisten, deutlich kompakter und flexibler sind. Sie werden in Fabriken vorgefertigt und am Einsatzort nur noch zusammengesetzt.
Welche Vorteile bieten SMR gegenüber klassischen Atomkraftwerken?
SMR sind kostengünstiger, schneller zu errichten, benötigen weniger Platz, sind flexibler im Standortwahl und verfügen über verbesserte Sicherheitssysteme, die passive Kühlmechanismen nutzen und das Risiko einer Kernschmelze deutlich reduzieren.
Wie ist der aktuelle Entwicklungsstand bei Small Modular Reactors?
Weltweit gibt es über 120 SMR-Designs, von denen rund 70 aktiv entwickelt werden. China und Russland haben bereits funktionierende Modelle in Betrieb, während in den USA und Europa Pilotanlagen und Pilotprojekte in Planung sind.
Welche Risiken sind mit der Nutzung von SMR verbunden?
Die Risiken umfassen wirtschaftliche Herausforderungen der Skalierung, die Produktion von mehr radioaktivem Abfall als herkömmliche Reaktoren, Sicherheits- und Proliferationsrisiken, sowie die Frage der Wettbewerbsfähigkeit angesichts der Kosten für erneuerbare Energien.
Wie beurteilt der Markt die Zukunftsaussichten von SMR?
Der Markt für SMR befindet sich in einer Übergangsphase, mit einer geschätzten Markthöhe von 6 bis 7 Milliarden Euro im Jahr 2026, und Wachstumsraten zwischen 5 und 27 Prozent jährlich. Die zukünftigen Kapazitäten könnten bis 2050 zwischen 40 und 120 Gigawatt liegen, wobei die Technologie erst Mitte der 2030er-Jahre eine breitere Nutzung erwarten lässt.