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Redaktion / 20.06.20 / 13:41

Wirecard vor Einigung mit Banken: Diese Gründe sprechen für das Unternehmen

Aus dem Börsenkrimi wird ein Psychothriller: Wirecard (WKN: 747206) und seine Aktien haben schon viele turbulente Phasen erlebt, doch die zurückliegende Handelswoche stellt alles in den Schatten. Die wichtigste Frage für Anleger lautet jetzt: Ist Wirecard als Investment noch zu retten? Die Antwort lautet: definitiv.

Fangen wir mit der unbequemen Wahrheit an: Der DAX-Konzern vermisst die läppische Summe von 1,9 Milliarden Euro. Sie sollte auf Konten eines Treuhänders bei phillippinischen Banken liegen. Doch die auf offensichtlich gefälschten Dokumenten angegebenen Konten würden nicht mal existieren, heißt es von den Instituten.

Weiterhin ist völlig unklar, ob Wirecard selbst zum Opfer eines Betrugsfalls erheblichen Ausmaßes wurde. Ein Wirecard-Team wurde mittlerweile auf die Philippinen geschickt, um die Vorgänge zu untersuchen. Auffällig spät, immerhin gab es seit langem Indizien für Unregelmäßigkeiten in Asien.

Am gestrigen Freitag folgte der von vielen Investoren lange geforderte Rücktritt von CEO und Großaktionär Markus Braun. Dieser hatte noch am Vortag ein weitgehend nichtssagendes Video-Statement hinterlassen. Die Börse reagierte kurzfristig positiv auf diese bedeutende Personalie und der Kurs gewann intraday +50% hinzu, bevor erneut Verunsicherung das Bild diktierte.

Die Wirecard-Aktie verabschiedete sich bei 24,30 Euro aus dem Tradegate-Handel, dem "digitalen Innovationsführer der Finanzbranche" werden damit nur noch rund 3 Milliarden Euro Wert zugestanden. Donnerstagmorgen hatte sich die Marktkapitalisierung noch auf 13 Milliarden belaufen, bevor die Aktie im Zuge des Milliarden-Skandals und der drohenden Fälligstellung von Krediten -80% abstürzte.

Nachbörslich folgte gestern von Seiten er Ratingagentur Moodys noch eine Abstufung auf Ramschniveau. Diese war angesichts des fehlenden Testats natürlich obligatorisch und bereits eingepreist.

Eine Insolvenz wäre auch für Kunden und Banken fatal 

Seit Donnerstag spielt der Markt bereits eine mögliche Pleite Wirecards durch. Der Grund ist klar: Durch den fehlenden Jahresabschluss können Kredite in Höhe von bis zu 2 Milliarden Euro fällig gestellt werden. Experten schätzen, dass jedoch "nur" circa 900 Millionen Euro an in Anspruch genommener Fazilitäten betroffen sind. Doch auch diese Summe würde wohl reichen, eine Zahlungsunfähigkeit Wirecards auszulösen.

Aktuellen Medienberichten zufolge gilt eine kurzfristige Fälligstellung durch die beteiligten Banken jedoch als unwahrscheinlich, da auch diese durch eine Insolvenz des Zahlungabswicklers aller Voraussicht nach Geld verlören und umgehend abschreiben müssten. 15 Kreditinstitute, darunter SD-Informationen zufolge auch die deutschen Geldhäuser Commerzbank, Deutsche Bank, DZ Bank und die Landesbank Baden-Württemberg, sollen dem Bankenkonsortium angehören, mit dem der neue Konzernchef James Freis nun verhandelt.

Einiges deutet darauf hin, dass die Besetzung des Chefpostens mit dem US-Amerikaner Fries eine wesentliche Grundlage für die Verhandlungsbereitschaft der Banken gewesen ist. So hieß es kurz nach dessen Amtsantritt am Freitagnachmittag:

Die Wirecard AG kann bestätigen, dass sich das Unternehmen in konstruktiven Gesprächen mit seinen kreditgebenden Banken befindet hinsichtlich der Fortführung der Kreditlinien und der weiteren Geschäftsbeziehung.

Freis ist hoch geschätzt und gilt in der Branche als integer und zuverlässig. Der ehemalige Vorstand der Deuschen Börse wurde von Heike Pauls, einer Wirecard-Analystin der Commerzbank, zuletzt als "Game Changer" bezeichnet. Das stimmt zuversichtlich, was den nun laufenden Dialog zwischen Unternehmen und seinen Kreditgebern angeht.

Und das Tempo, mit dem sich Wirecard nun an das Projekt Aufklärung und Neuanfang wagt, ist hoch: Ebenfalls noch am Freitag folgte die Meldung, dass man mit der global renommierten Investmentbank Houlihan Lokey an einem Plan zur nachhaltigen Finanzierungsstrategie arbeite. Auch das spricht nicht wirklich für eine kurzfristige Pleite.

Houlihan Lokey gilt als Star der Branche, hat unzählige schwergewichtige M&A-Transaktionen begleitet und Not-Finanzierungen erwirkt. Vor über 10 Jahren sollte Lokey beispielsweise den hochverschuldeten deutschen Schaeffler-Konzern retten. Was viele nicht mehr für möglich hielten, wurde nur einige Wochen später amtlich: Die Banken retteten das Unternehmen mit neuen Kreditzusagen.

Eine Insolvenz kann nicht im Interesse der Banken sein, da sie ein vermutlich immer noch hochprofitables Geschäft und damit ihr eigenes Geld gefährden würden. Reihenweise Kunden würden verunsichert und gegebenenfalls Verträge kündigen, Neuabschlüsse verhindert.

Jetzt kommt alles auf den Tisch

Natürlich muss Wirecard nun umgehend nachweisen, wie viel von den gemeldeten Umsätzen und Gewinnen tatsächlich vorhanden ist und wie hoch der Cashflow ist, den der Konzern generiert. Noch vor einem Monat schrieb Ex-Boss Braun auf Twitter:

Wenn sich Lärm und Staub gelegt haben, wird Wirecard weiterhin ein Unternehmen sein, das in diesem Jahr ein EBITDA von einer Milliarde Euro erwirtschaftet und eines der am schnellsten wachsenden seiner Branche ist.

Bis zuletzt hielt man an den kommunizierten Ergebnissen und Prognosen fest. Es ist angesichts des nachvollziehbaren Geschäftsmodells, über 300.000 Kunden – darunter viele große Namen – und den Gewinnmargen von Wettbewerbern wie der niederländischen Adyen kaum vorstellbar, dass Wirecard kein Geld verdient. Dass es am Ende weniger ist als verkündet, ist hingegen wahrscheinlicher denn je.

Positiv: Selbst deutsche Tech-Investoren wie Frank Thelen glauben an Wirecards Technologie, die Kunden und das Geschäftsmodell. Thelen selbst habe mit Kunden gesprochen, die sich zufrieden geäußert hätten. Wie Thelen in einem Video-Statement verrät, habe er selbst viel Geld verloren und das Unternehmen abgeschrieben, da er das Vertrauen in das Management verloren habe. Zu diesem Zeitpunkt hieß der CEO allerdings noch Markus Braun.

Braun ließ es sich übrigens auch nach seinem Rücktritt nicht nehmen, noch einmal die Stärke Wirecards zu bekräftigen:

Wirecard verfügt über hervorragende Mitarbeiter, ein starkes Geschäftsmodell, herausragende Technologie und reichlich Ressourcen, um eine großartige Zukunft zu sichern.

Statt kleinlaut zu werden, wiederholt Braun damit das, was er seit Jahren mantraartig äußert und viele Investoren trotz bekannter Unterstellungen lange Zeit bei der Stange hielt.

Erstes Übernahmeangebot

Die zentrale Frage für die Werthaltigkeit Wirecards bleiben also zuverlässige Zahlen, die es jetzt schonungslos offenzulegen gilt. Technologie und Kundschaft sind zweifellos stark und bereits einiges wert, das dürften selbst Kritiker eingestehen. Zudem ist die Chance groß, dass das Geschäft am Ende deutlich mehr Gewinn abwirft, als wie es der Aktienkurs derzeit suggeriert.

Das im Fokus stehende APAC-Geschäft machte 2018 zwar fast 1 Milliarde Euro Umsatz aus, aber immerhin weniger als die Erlöse in Europa. Selbst wenn 90 Prozent(!) der EBITDAs gefälscht wären und Wirecard im laufenden Jahr in Wahrheit nur rund 100 Millionen Euro Gewinn erwirtschaften würde, wäre das Unternehmen im Peer-Group-Vergleich aktuell deutlich unterbewertet.

Wer an das Kerngeschäft Wirecards glaubt und sich des Risikos bewusst ist, darf hier also weiter auf einen positiven Ausgang hoffen. Nachdem institutionelle Wirecard-Portfolios in den letzten Tagen weitgehend liquidiert worden sein dürften, besitzt die Aktie  grundsätzlich wieder Luft nach oben. Wesentlicher kurzfristiger Kurskatalysator könnte eine Einigung mit den Banken sein.

Außerdem machen mittlerweile verstärkt Übernahmespekulationen die Runde. FOCUS Online berichtet gar von einem ersten geplanten Übernahmeangebot in Höhe von 15 Euro je Aktie. Sollte dies zutreffen, dürften ein ausbrechender Übernahmekampf und weitere Gebote die Folge sein. Zusätzlich besitzt die Wirecard-Aktie bei einer Shortquote von zuletzt 17% weiterhin beträchtliches Short-Squeeze-Potenzial.

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Update 18:52 Uhr
Aktuellen Berichten zufolge haben die Banken mittlerweile ihre Unterstützung signalisiert. Eine entsprechende Vereinbarung könne bis Ende kommender Woche vorliegen.

Interessenkonflikt: Herausgeber, Mitarbeiter und NBC-Clubmitglieder halten selbstverständlich Aktien des besprochenen Unternehmens Wirecard. Somit besteht konkret und eindeutig ein Interessenkonflikt. Autor, Herausgeber, Mitarbeiter und NBC-Clubmitglieder beabsichtigen die Aktien – je nach Marktsituation auch kurzfristig – zu kaufen oder zu veräußern und könnten dabei von erhöhter Handelsliquidität profitieren.

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Kommentare
Truther / 21.06.20 / 16:37 Uhr Wirecard hat nachweislich viele Kundenverbindungen. Das Wirecard Symbol ist im Einzelhandel mittlerweile fast so häufig anzutreffen, wie die MasterCard und Visa Symbole. Boon payment und weitere Anwendungen sind allein für sich genommen schon so gut wie die Produkte einiger Start-ups, die mit hunderten Millionen Euro bewertet werden. Nichtsdestotrotz bleibt die Frage, warum hat sich der Vorstand bei der KPMG Untersuchung so unkooperativ gezeigt, warum hat die IR-Abteilung so dilettantisch kommuniziert. Man könnte fast schon meinen der Vorstand hat den Kurs bewusst nach unten beeinflussen wollen. Haben wir hier den nächsten Enron oder publity Skandal?
Jakub / 22.06.20 / 5:18 Uhr Sieht so aus dass das vermisste Geld noch nicht einmal in den Philippinen angekommen ist. Da frage ich mich wie das überhaupt möglich ist, dass WireCard keine Übersicht und keinen Zugriff auf die angeblichen Treuhandkonten hatte. Die Banken in Südostasien haben sehr gute Onlinepräsenzen mit Online-Banking Funktionen. Hat da über Wochen, Monate, Niemand mal nach einem Kontoauszug geschaut? Ist das überhaupt möglich? Wenn sich das Alles als eine bewusste Täuschung herausstellt dann wird das WireCard Symbol schnell wieder vom Markt verschwinden. Die Shortseller haben ihre Positionen drastisch erhöht, wir können also wieder von einer turbulenten Woche ausgehen. Wenn wir im mittleren einstelligen Bereich ankommen dann steige ich wieder ein ;)