Volkswagen-Aktie: Wird plötzlich Insolvenz ein Thema?
Rational betrachtet ist die Lage weit weniger dramatisch, als wie es ein Kursverlust von rund 70% in den letzten fünf Jahren vermuten lässt. Sollte es VW gelingen, die Profitabilität wie vom Management angekündigt zu verbessern, könnte die aktuelle Bewertung erhebliches Aufholpotenzial bieten.
Markt preist Negativszenario ein
Die Vorzugsaktie von Volkswagen notiert derzeit bei rund 73 Euro und bewertet den Konzern mit etwa 40 Milliarden Euro. Diese Marktbewertung vermittelt den Eindruck, als seien die schwachen Ergebnisse des Jahres 2025 dauerhaft. Selbst unter dieser Annahme erscheint die Aktie jedoch günstig bewertet. Noch interessanter ist vor diesem Hintergrund, dass der Vorstand für 2026 bereits eine deutliche Verbesserung der operativen Profitabilität erwartet.
Während der operative Umsatzrendite im Jahr 2025 lediglich 2,8 Prozent betrug, stellt das Management für 2026 eine Marge zwischen 4,0 und 5,5 Prozent in Aussicht. Bei einem erwarteten Konzernumsatz von rund 322 bis 332 Milliarden Euro würde sich das operative Ergebnis dadurch von 8,9 Milliarden Euro auf etwa 13 bis 18 Milliarden Euro erhöhen.
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Stabiler Umsatz, Einbruch der Profitabilität
Der entscheidende Punkt ist, dass Volkswagen im vergangenen Jahr keinen dramatischen Nachfrageeinbruch verzeichnete. Der Umsatz lag mit 321,9 Milliarden Euro nur leicht unter dem Vorjahreswert von 324,7 Milliarden Euro. Auch die Fahrzeugauslieferungen blieben mit rund neun Millionen Fahrzeugen weitgehend stabil.
Der eigentliche Belastungsfaktor war der massive Rückgang der Profitabilität. Das operative Ergebnis halbierte sich gegenüber dem Vorjahr auf 8,9 Milliarden Euro, wodurch die operative Marge auf lediglich 2,8 Prozent sank. Ohne Sondereffekte hätte das operative Ergebnis allerdings bei 14,8 Milliarden Euro gelegen. Restrukturierungskosten und weitere Einmaleffekte belasteten das ausgewiesene Ergebnis somit erheblich. Gleichzeitig verbesserte sich der Netto-Cashflow des Automobilgeschäfts um 24 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro.
Wären Umsatz und Absatz gleichermaßen eingebrochen, wäre die Investmentthese deutlich schwieriger. Tatsächlich verfügt Volkswagen weiterhin über enorme Größenvorteile. Entscheidend wird nun sein, ob es gelingt, die Kostenbasis ausreichend zu reduzieren, um trotz Herausforderungen wie dem schwächeren China-Geschäft, möglicher Zölle und eines ungünstigeren Modellmixes wieder höhere Margen zu erzielen.
Ertragswende dieses Jahr möglich
Für 2026 erwartet Volkswagen ein Umsatzwachstum zwischen null und drei Prozent sowie eine operative Marge von 4,0 bis 5,5 Prozent.
Auf Basis eines Konzernumsatzes von rund 327 Milliarden Euro und einer operativen Marge von 4,7 Prozent würde das operative Ergebnis auf etwa 15,4 Milliarden Euro steigen. Nach Berücksichtigung weiterer Aufwendungen könnten daraus Nettogewinne zwischen 8,5 und 10 Milliarden Euro entstehen.
Bei der gegenwärtigen Bewertung der Aktie entspräche dies einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 5 auf Basis der erwarteten Gewinne für 2026. Für einen zyklischen Industriekonzern erscheint diese Bewertung ausgesprochen niedrig, sofern sich die Margen tatsächlich normalisieren.
Erstes Quartal zeigt Fortschritte
Das erste Quartal 2026 fiel auf den ersten Blick noch verhalten aus. Der Umsatz sank um zwei Prozent auf 75,7 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis verringerte sich um 14 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro, während die operative Marge auf 3,3 Prozent stieg. Die Fahrzeugauslieferungen gingen um sieben Prozent zurück. Besonders die Märkte in China und Nordamerika entwickelten sich weiterhin schwach.
Im Detail zeigen sich jedoch erste Verbesserungen. Die Gemeinkosten wurden um nahezu eine Milliarde Euro reduziert. Gleichzeitig stieg der Auftragsbestand in Europa gegenüber dem Jahresende 2025 um rund 15 Prozent.
Für eine Neubewertung der Aktie benötigt Volkswagen keinen starken Nachfrageboom. Entscheidend ist vielmehr, dass die laufenden Sparprogramme und Restrukturierungen die strukturellen Belastungen zunehmend kompensieren.
Finanzvorstand Arno Antlitz machte deutlich, dass die derzeitige Profitabilität trotz der verbesserten Marge weiterhin unzureichend sei. Gleichzeitig stellte er klar, dass weitere Kostensenkungen notwendig bleiben. Damit signalisiert das Management, dass die Optimierung der operativen Kosten weiterhin höchste Priorität besitzt.
Restrukturierung könnte Milliarden freisetzen
Ein wesentlicher Kurstreiber könnte die umfassende Restrukturierung des Konzerns werden. Medienberichten zufolge prüft Volkswagen den Abbau von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen, die Schließung von vier deutschen Werken sowie eine deutliche Kürzung der Investitionsausgaben über die kommenden fünf Jahre auf etwas mehr als 130 Milliarden Euro.
Bei einer weltweiten Belegschaft von rund 667.000 Mitarbeitern entspräche dies einem Stellenabbau von etwa 15 Prozent. Je nach tatsächlichen Personalkosten ergibt sich daraus ein jährliches Einsparpotenzial von acht bis zwölf Milliarden Euro. Selbst wenn lediglich 35 bis 50 Prozent dieser Einsparungen tatsächlich im operativen Ergebnis ankommen, könnte dies das EBIT um drei bis sechs Milliarden Euro verbessern.
Auf Basis der Ergebnisse von 2025 entspräche dies einer Verbesserung der operativen Marge um rund ein bis eineinhalb Prozentpunkte. Allein durch diese Maßnahmen könnte Volkswagen den unteren Bereich seiner Margenziele für 2026 erreichen, ohne dass sich Absatz, Preisniveau oder Modellmix zusätzlich verbessern müssten.
Bereits dieser Effekt könnte einen erheblichen Teil des heutigen Bewertungsabschlags rechtfertigen.
Bewertung bietet erhebliches Aufwärtspotenzial
Im Basisszenario steigt der Umsatz 2026 auf rund 327 Milliarden Euro. Bei einer operativen Marge von 4,7 Prozent ergibt sich ein operativer Gewinn von etwa 15,4 Milliarden Euro sowie ein Nettogewinn zwischen 8,5 und 10 Milliarden Euro.
Selbst bei einem konservativen Bewertungsniveau würde sich daraus eine Marktkapitalisierung von etwa 47 bis 55 Milliarden Euro ergeben. Daraus ließe sich ein fairer Wert von rund 95 bis 110 Euro je Vorzugsaktie ableiten. Einschließlich der erwarteten Dividende ergibt sich daraus ein mögliches Gesamtertragspotenzial von etwa 30 bis 45 Prozent innerhalb der kommenden zwölf Monate.
Im negativen Szenario verharrt die operative Marge dagegen bei rund 3,5 Prozent. Dann dürfte der operative Gewinn lediglich etwa elf Milliarden Euro erreichen, was einen fairen Wert zwischen 50 und 60 Euro je Vorzugsaktie rechtfertigen könnte.
Im optimistischen Szenario erreicht Volkswagen hingegen die obere Grenze seiner Prognose. Bei einem Umsatz von rund 332 Milliarden Euro und einer operativen Marge von 5,5 Prozent könnte das operative Ergebnis auf rund 18 Milliarden Euro steigen. Sollte gleichzeitig das Vertrauen in den Restrukturierungskurs wachsen, wären langfristig auch Kurse von über 130 Euro je Vorzugsaktie denkbar.
Die entscheidende Frage lautet daher weniger, ob dieses Szenario sicher eintritt. Vielmehr scheint der Markt derzeit einer Erholung der Margen nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit einzuräumen.
Risiken bleiben erheblich
Das größte Risiko besteht darin, dass sich das schwache Gewinnniveau von 2025 als dauerhaft erweist. Insbesondere eine weitere Verschlechterung des China-Geschäfts, anhaltende Belastungen durch US-Zölle, eine schwache Entwicklung der Marken Porsche und Audi oder sinkende Margen im Elektroautogeschäft könnten die Erholung verzögern.
Hinzu kommt die komplexe Eigentümerstruktur des Konzerns. Die Porsche SE kontrolliert die Stimmrechte, das Land Niedersachsen verfügt über weitreichende Mitspracherechte und die Arbeitnehmervertreter besitzen erheblichen Einfluss. Dadurch verlaufen tiefgreifende Restrukturierungen langsamer und sind politisch anspruchsvoller als bei vielen Wettbewerbern.
Aus diesem Grund eignet sich Volkswagen derzeit weniger als langfristige Qualitätsanlage, sondern vielmehr als zyklische Value-Investition mit erheblichem Erholungspotenzial.
ℹ️ Volkswagen in Kürze
- Die Volkswagen AG (WKN: 766403) mit Sitz in Wolfsburg ist der nach Umsatz größte und nach Absatz zweitgrößte Fahrzeughersteller der Welt. Zusätzlich zur Kernmarke Volkswagen ist die VW AG auch Muttergesellschaft zahlreicher weiterer Autohersteller, darunter Audi, Lamborghini, Porsche, Seat und Skoda.
- Neben dem Pkw-Bereich gehört auch der Geschäftsbereich Nutzfahrzeuge mit den Unternehmen MAN und Scania zum VW-Konzern. Zudem bietet der Konzern zahlreiche Finanzdienstleistungen an, darunter Finanzierungen und Versicherungen.
- Volkswagen ist Mitglied im deutschen Leitindex DAX und im europäischen Leitindex EuroStoxx 50 und aktuell ca. 40 Milliarden € wert.
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Fazit
Die Volkswagen-Aktie bleibt mit erheblichen Risiken verbunden, ist jedoch zu diesem Zeitpunkt noch weit von einer Insolvenz entfernt und bietet auf dem aktuellen Bewertungsniveau ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis. Der jüngste Absturz der Aktie ist somit eher als Chance zu begreifen.
Entscheidend für eine nachhaltige Kursaufwertung wird sein, ob der Konzern die angekündigte Verbesserung der Margen in den kommenden Quartalen tatsächlich umsetzt.
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