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OpenAI: Langsam wird es ernst

Antrag auf IPO
Die Gerüchteküche brodelt schon seit Monaten, jetzt ist es offiziell: OpenAI hat am gestrigen Montag einen vertraulichen Antrag auf einen Börsengang bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Welche Details sind bislang über das IPO des ChatGPT-Betreibers bekannt?

Der IPO Antrag ist da

Da der Antrag von OpenAI auf eine Börsenlistung vertraulich (Confidential S-1) eingereicht wurde, sind die genauen Geschäftszahlen noch unter Verschluss. Mehrere Details und die Strategie hinter dem Schritt sind jedoch durchgesickert.

Nach einer gigantischen Finanzierungsrunde im Wert von 122 Milliarden US$ im März wird OpenAI derzeit mit 852 Milliarden US$ bewertet. Damit ist die ChatGPT-Mutter allerdings im Rennen der KI-Entwickler hinter den Erzrivalen Anthropic zurückgefallen, der in der letzten Finanzierungsrunde auf eine Bewertung von 965 Milliarden US$ kam. Für das offizielle Börsendebüt peilt das Management um Sam Altman laut Finanzkreisen eine Bewertung von bis zu 1 Billion US$ an.

Obwohl die Unterlagen eingereicht wurden, dämpfte OpenAI-CEO Sam Altman in einem Blogpost direkt die Erwartungen an einen überstürzten Handelsstart. OpenAI erklärte mit einer Portion Humor:

Wir haben kürzlich ein vertrauliches S-1 eingereicht. Da wir erwarten, dass es sowieso geleakt wird, verkünden wir es einfach direkt.

Und weiter:

Wir haben uns beim Timing noch nicht festgelegt. Es kann noch eine Weile dauern, da es Dinge gibt, die wir vorhaben und die sich als privates Unternehmen wahrscheinlich einfacher umsetzen lassen.

Warum zögert OpenAI?

Hintergrund für das Zögern könnte die Entwicklung der Geschäftstätigkeit sein. OpenAI muss für einen erfolgreichen Börsengang ein fantastisches Wachstum bei allen wesentlichen Kennzahlen ausweisen können.

Das Unternehmen benötigt Geld — sehr viel Geld. Bis 2030 plant OpenAI Investitionen in Höhe von rund 600 Milliarden US$ in die KI-Infrastruktur. Um dieses Geld zu bekommen, muss alles stimmen.

Noch ist das Unternehmen eine gigantische Geldverbrennungsmaschine. Zwar wird die annualisierte Umsatzrate auf inzwischen 24 Milliarden US$ geschätzt, aber die Ausgaben für den Betrieb der Rechenzentren sind gewaltig hoch. Das Überschreiten der Gewinnschwelle wird erst im Jahr 2030 erwartet.

Zudem nutzt die überwiegende Mehrheit der ChatGPT-User die kostenlose Version. Von über 900 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern sind nur nur 50 Millionen zahlende Premium-Abonnenten.

Ein entscheidender Sieg

Dass OpenAI den Börsengang jetzt vorbereitet, ist kein Zufall, sondern auch mit der rechtlichen Konstruktion des Unternehmens zu tun. Im Mai errang das Unternehmen einen entscheidenden juristischen Sieg gegen Mitgründer Elon Musk.

Ein US-Geschworenenbericht wies Musks Klage, wonach OpenAI seine ursprüngliche Non-Profit-Mission illegal für privaten Profit verraten habe, endgültig ab. Dieses Urteil hat das größte rechtliche Risiko beseitigt, vor dem sich institutionelle Anleger an der Börse gefürchtet hatten.

Was ist die Strategie?

Als potenzielles Zeitfenster für den tatsächlichen Handelsstart gilt in Finanzkreisen der Spätherbst 2026 oder das erste Quartal 2027. Es wird sehr spannend, zu sehen, ob OpenAI noch vor Anthropic den Sprung an die Börse wagt.

Sowohl ein früherer als auch ein späterer Start könnte Vor- und Nachteile haben. Sollte OpenAI nach Anthropic an die Börse gehen und das IPO des Rivalen ein voller Erfolg werden, könnte das die Bewertung des ChatGPT-Betreibers noch einmal in die Höhe treiben.

Besonders spannend wird meiner Meinung nach aber die Darstellung der zukünftigen Strategie im Börsenprospekt. OpenAI-Chef Altman will sein Unternehmen weg von einem reinen ChatBot entwickeln, da er offenbar erkannt hat, dass sich darüber langfristig zu wenig Geld verdienen lässt. Zu wenige Nutzer sind wohl bereit, für eine Premium-Version Geld zu bezahlen und die Monetarisierung über Werbung ist möglicherweise komplexer als befürchtet.

Codex ist die Zukunft

Deshalb will sich OpenAI in Zukunft auf das Geschäft mit Unternehmen und vor allem auf die Entwicklerplattform Codex fokussieren. Codex ist eine der wichtigsten tragenden Säulen im Ökosystem von OpenAI. Ursprünglich als reines KI-Modell zum Übersetzen von Programmiercode gestartet, hat OpenAI das Produkt grundlegend umgebaut.

Heute ist Codex kein bloßes Entwickler-Tool mehr, sondern eine vollwertige KI-Agenten-Plattform, die tief in ChatGPT integriert wird. Codex kann den Bildschirm visuell lesen und verstehen, autonom Programme steuern und komplexe Workflows über verschiedene Apps hinweg (wie Slack, Gmail, Notion und GitHub) komplett eigenständig ausführen.

OpenAI baut ChatGPT derzeit massiv um, weg vom reinen Chatbot hin zu einer All-in-One-Arbeitsplattform. Im Zuge dessen verschmelzen ChatGPT und Codex immer stärker.

Rund 20% der inzwischen über 5 Millionen wöchentlichen Codex-Nutzer sind mittlerweile keine Softwareentwickler, sondern "Knowledge Worker" (Analysten, Marketer, Banker). Sie nutzen Codex, um Datenanalysen zu automatisieren, Verträge zu prüfen, Tabellenkalkulationen zu erstellen oder per Vibe Coding kleine, nützliche Tools zu bauen, ohne programmieren zu können. Zudem hat OpenAI ein offenes Ökosystem gestartet, bei dem Partner spezielle Plugins für Codex bereitstellen – beispielsweise für Finanzanalysen, Vertriebsautomatisierung oder Produktdesign.

Noch viele Frage offen

Ob der Börsengang von OpenAI überhaupt kommt, wenn ja, wann genau, und ob er ein Erfolg wird, lässt sich Stand heute noch gar nicht sagen. Sharedeals wird weiterhin über alle wichtigen Entwicklung bis zum Gang an die Börse berichten.

Abschließend: Wer sich näher mit dem geplanten Börsengang von SpaceXbeschäftigen möchte, kann am Mittwoch, den 10. Juni um 19:00 Uhr an unserer Live-Sprechstunde auf YouTube teilnehmen. Dort sprechen wir ausführlich über die Bewertung, die Chancen und Risiken des IPOs sowie mögliche Strategien für Anleger.

ℹ️ OpenAI in Kürze

  • OpenAI ist ein Ende 2015 gegründetes gemeinnütziges Forschungslabor in San Francisco, das sich in Rekordzeit zu einem kommerziellen Technologiegiganten entwickelt hat.
  • Mit der Veröffentlichung des KI-Modells ChatGPT Ende 2022 sorgte OpenAI für ein technologisches Erdbeben.
  • ChatGPT ist mit über 900 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern eines der meistgenutzten KI-Modelle der Welt.
  • OpenAI entwickelt sich zunehmend zu einem Ökosystem für multimodale KI und autonome Agenten.
  • Wichtigster strategischer Partner und Investor ist Microsoft, das die Cloud-Infrastruktur für das Unternehmen bereitstellt. Zu den weiteren prominenten Großinvestoren gehören Amazon, Nvidia SoftBank und Thrive Capital.