stock.adobe.com/VanderWolf Images

Lucid-Aktie -57%: Insolvenzgerücht, Handelsstopp, Milliardenverlust

Alle gegen Lucid
Polina Dmitrovskaya
Am Dienstag brach die Auto-Aktie Lucid im US-Handel zeitweise um bis zu -57% ein und markierte damit ein neues Allzeittief. Der Handel wurde mehrfach ausgesetzt. Zum Handelsschluss hatte sich das Papier zwar wieder etwas erholt, schloss aber dennoch mit -16% im Minus. Was weiß der Markt, was das Unternehmen nicht sagt?

Insolvenzgerüchte

Auslöser war ein Bericht des auf Elektrofahrzeuge spezialisierten, wenig bekannten Online-Portals electric-vehicles.com. Diesem zufolge habe die von Lucid engagierte Sanierungsberatung AlixPartners dem Verwaltungsrat vor dessen nächster Sitzung Optionen vorgelegt – darunter eine Übernahme durch einen Finanzinvestor oder ein Insolvenzverfahren nach Chapter 11 (=Kapitel des US-Insolvenzrechts, das eine Reorganisation statt einer Liquidation regelt).

Die Quelle electric-vehicles.com gilt in der Branche nicht als sonderlich verlässlich, und der Bericht vermischte zwei sehr unterschiedliche Szenarien: ein routinemäßiges Restrukturierungsmandat und einen aktiven Insolvenzprozess.

Das Dementi

Lucid reagierte noch am selben Abend. Kommunikationschef Nick Twork erklärte gegenüber Bloomberg wörtlich, die Gerüchte seien „komplett falsch", AlixPartners habe weder dem Management noch dem Board eine Insolvenz empfohlen. Der Berater unterstütze ausschließlich bei der operativen Effizienz. Ein eigener Sonderausschuss des Verwaltungsrats zur Prüfung von Verkauf oder Insolvenz existiere nicht.

Zur Liquidität verwies Lucid auf einen jüngsten Kapitalzufluss: Nach Quartalsende wurden rund 1,05 Milliarden US$ eingesammelt (u.a. 550 Millionen US$ vom saudischen Staatsfonds PIF, 200 Millionen US$ von Uber), dazu kamen am 6. Juli weitere 800 Millionen US$ aus einer Kreditfazilität. Pro forma soll die Liquidität nun bei rund 4,7 Milliarden US$ liegen – genug, um weit ins nächste Jahr zu tragen.

Warum der Markt trotzdem nervös bleibt

Die Zahlen dahinter erklären die Angst. Lucid verlor im Gesamtjahr 2025 rund 2,7 Milliarden US$. Doch damit endete es noch nicht. Allein im Q1 2026 kamen über 1 Milliarde US$ an Verlusten hinzu und das bei einem winzigen Umsatz von gerade einmal 282 Millionen US$.

Um das finanzielle Überleben zu sichern, zieht das Unternehmen die Reißleine beim Personal. Erst im Februar wurden 12% der Belegschaft entlassen, im Juni folgten weitere 18% (was rund 1.400 Stellen entspricht). Zudem wurde die Position des Chief Operating Officer (COO) komplett gestrichen.

Der neue CEO Silvio Napoli, der das Ruder am 1. Juni 2026 übernommen hat, startete direkt im Krisenmodus: Er musste die Produktionsprognose für das laufende Jahr aussetzen, nachdem ein fehlerhafter Schweißpunkt am neuen Hoffnungsträger – dem SUV-Modell Gravity – zu einem schmerzhaften, 29-tägigen Lieferstopp geführt hatte.

Auf Prognose- und Wettmärkten wie Polymarket spiegelt sich die nackte Panik wider: Die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz vor dem Jahr 2027 wurde dort zuletzt auf besorgniserregende 50% taxiert. Die nächsten harten Fakten und die nackte Wahrheit über den Zustand der Kassen liefert der anstehende Halbjahresbericht am 4. August.

Lucids Hoffnungsträger

Der Autobauer hofft auf die neue Midsize-Plattform, die er auf seinem Investor Day im März 2026 vorgestellt hat. Darunter fallen drei neue Modelle:

Dazu kommt eine neue, effizientere Antriebseinheit namens Atlas, die durch kleinere Batterien und weniger Bauteile die Kosten pro Fahrzeug senken soll. Erst über deutlich höhere Stückzahlen im Volumensegment kann Lucid die Fixkosten seiner Fabrik in Arizona auslasten – bislang das Kernproblem des Unternehmens.

Neben dem klassischen Autoverkauf setzt Lucid zunehmend auf wiederkehrende Erlöse aus Software, Mobilitätsdienste und vor allem eine vertiefte Kooperation mit Uber für autonome Ride-Hailing-Flotten auf Basis der neuen Midsize-Plattform. Bislang hat das allerdings nicht ausgereicht.

ℹ️ Lucid in Kürze

  • Lucid Motors (WKN: A3CVXG) ist ein US-amerikanischer Hersteller von Luxus-Elektroautos.
  • Das 2007 gegründete Unternehmen mit Sitz in Newark in Kalifornien produziert derzeit zwei hochpreisige Automodelle: die Limousine Air und das SUV Gravity.
  • Finanziell und strategisch wird das Unternehmen von Saudi-Arabien unterstützt, wo derzeit eine Autofabrik in Bau ist.
  • Lucid ist derzeit noch Mitglied im Nasdaq 100-Index und hat einen Börsenwert von etwa 1,8 Milliarden US$.

Lucid kaufen, halten oder verkaufen? Unsere zehnköpfige Redaktion berichtet regelmäßig über Lucid und informiert Dich in Echtzeit, wenn Handlungsbedarf besteht. Aktiviere dafür einfach unseren kostenlosen Aktien-Alarm und sichere Dir Deinen persönlichen Informationsvorsprung.

Lucid weiterverfolgen – jetzt kostenlosen Aktien-Alarm aktivieren »

Polina Dmitrovskaya

Fazit

Meiner Ansicht nach spricht wenig dafür, dass Lucid in den nächsten Monaten tatsächlich Insolvenz anmeldet – der saudische Staatsfonds PIF als Mehrheitsaktionär hat sowohl die Mittel als auch das strategische Interesse, das Unternehmen am Leben zu halten.

Das eigentliche Problem ist nicht die kurzfristige Zahlungsfähigkeit, sondern das strukturelle Missverhältnis zwischen Fixkosten und Stückzahlen. Die Lehre aus diesem Tag: In einem ohnehin fragilen Unternehmen reicht eine einzige, schlecht belegte Meldung, um binnen Stunden Milliarden an Marktwert zu vernichten – unabhängig davon, ob sie am Ende stimmt. Dementsprechend rate ich dazu die Finger von der Aktie zu lassen.