Carnival: Lieber die Aktie als eine AIDA-Kreuzfahrt?
Kreuzfahrtboom treibt Carnival weiter an
Kreuzfahrten stehen unter Reisenden wieder hoch im Kurs. Besonders bemerkenswert ist die übereinstimmende Einschätzung, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis einer Kreuzfahrt deutlich attraktiver sei als ein klassischer Hotelurlaub. Diese Wahrnehmung weckt auch aus Investorensicht Interesse, denn sie deutet auf einen starken Kundennutzen hin, der sich langfristig in einer robusten Nachfrage widerspiegeln kann.
Vor diesem Hintergrund rückt die Carnival Corporation in den Blickpunkt. Der weltweit größte Kreuzfahrtanbieter wird in wenigen Tagen seine Zahlen für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2026 vorlegen. Trotz der bereits starken Kursentwicklung im Vorfeld der Veröffentlichung erscheint die Aktie weiterhin attraktiv. Die gesamte Branche profitiert derzeit von einer außergewöhnlich hohen Nachfrage und wird von vielen Marktbeobachtern als bemerkenswert widerstandsfähig eingestuft.
Marktführer der globalen Kreuzfahrtindustrie
Carnival ist gemessen an Flottengröße, Passagieraufkommen und Umsatz der größte Kreuzfahrtkonzern der Welt. Zum Unternehmen gehören acht bedeutende Marken mit rund 90 Schiffen. Dazu zählen Carnival Cruise Line, Princess Cruises, Holland America Line, Seabourn, AIDA Cruises, Costa Cruises, Cunard sowie P&O Cruises.
Mit einem Anteil von rund 40 Prozent an der weltweiten Kapazität liegt Carnival klar vor den Wettbewerbern Royal Caribbean und Norwegian Cruise Line. Dennoch bewertet der Markt Royal Caribbean höher. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Carnival weist eine höhere Verschuldung auf und betreibt aufgrund seiner Vielzahl an Marken eine komplexere Struktur mit geringeren Margen. Sollte der Konzern seinen Schuldenabbau konsequent fortsetzen, könnte sich der Bewertungsabstand zum größten Konkurrenten künftig verringern.
Zwei zentrale Einnahmequellen bestimmen das Geschäft
Das Geschäftsmodell von Carnival basiert auf zwei wesentlichen Umsatzströmen. Rund 70 Prozent der Erlöse stammen aus Ticketverkäufen, während etwa 30 Prozent an Bord generiert werden. Die Ticketeinnahmen geben Aufschluss über Auslastung und Preissetzungsmacht. Die Bordumsätze umfassen Ausgaben für Gastronomie, Wellness, Unterhaltung und weitere Dienstleistungen und spiegeln die Zahlungsbereitschaft der Gäste während der Reise wider.
Für die Branche besitzt dabei eine Kennzahl besondere Bedeutung: die sogenannte Net Yield. Sie misst den Nettoumsatz pro verfügbarem Passagierbett und berücksichtigt bereits Vertriebskommissionen sowie direkte Betriebskosten an Bord. Damit liefert sie ein deutlich präziseres Bild der Ertragskraft als reine Auslastungszahlen.
Steigende Net Yields zeigen, dass ein Unternehmen entweder höhere Ticketpreise durchsetzen oder die Ausgaben der Gäste an Bord erhöhen kann. Da die Kapazität im Nenner der Kennzahl unverändert bleibt, schlagen zusätzliche Umsätze besonders stark auf die Profitabilität durch.
Warum die Net Yield wichtiger ist als der Gewinn je Aktie
In den vergangenen fünf Quartalen konnte Carnival die Erwartungen des Marktes regelmäßig übertreffen. Der Hauptgrund dafür waren Net-Yield-Werte, die jeweils zwischen 100 und 200 Basispunkten über den Prognosen lagen.
Da ein Großteil der Kosten einer Kreuzfahrt fest ist, darunter Personal, Abschreibungen, Treibstoff und Hafengebühren, wirken sich zusätzliche Einnahmen überproportional positiv auf das operative Ergebnis aus. Bereits eine Verbesserung der Net Yield um einen Prozentpunkt könnte im zweiten Quartal einen zusätzlichen bereinigten Nettogewinn von rund 48 Millionen US-Dollar generieren. Bei einer Quartalsprognose von 470 Millionen US-Dollar entspräche dies einem Gewinnanstieg von rund zehn Prozent.
Hinzu kommt, dass Carnival das Kapazitätswachstum bewusst auf weniger als ein Prozent begrenzt. Dadurch soll die Nachfrage das Angebot weiterhin übersteigen und die Preissetzungsmacht gestärkt werden.
Treibstoffpreise bleiben der größte Unsicherheitsfaktor
Trotz der operativen Stärke bleibt ein wesentlicher Einflussfaktor außerhalb der Kontrolle des Unternehmens: die Entwicklung der Treibstoffkosten. Nach Angaben des Konzerns würde eine Preisänderung von zehn Prozent allein im zweiten Quartal Mehr- oder Minderkosten von rund 56 Millionen US-Dollar verursachen.
Daneben besteht ein Währungsrisiko, da etwa 30 Prozent der Umsätze außerhalb des US-Dollars erzielt werden. Dessen Einfluss fällt jedoch deutlich geringer aus als die Auswirkungen der Energiepreise.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Verschuldung. Carnival verfügt weiterhin über langfristige Verbindlichkeiten von rund 24 Milliarden US-Dollar. Allerdings sinken die Zinsaufwendungen durch laufende Refinanzierungen zu günstigeren Konditionen. Sollte die US-Notenbank jedoch wieder eine restriktivere Geldpolitik verfolgen, könnte dies die Gewinnentwicklung belasten.
Rekordergebnisse nach vollständiger Erholung
Spätestens nach den Ergebnissen des Geschäftsjahres 2025 wurde deutlich, dass Carnival die Pandemie endgültig hinter sich gelassen hat. Der Umsatz erreichte mit 26,6 Milliarden US-Dollar einen neuen Höchststand. Der Nettogewinn legte im Jahresvergleich um mehr als 60 Prozent auf 3,1 Milliarden US-Dollar zu, während das bereinigte EBITA auf 7,2 Milliarden US-Dollar stieg.
Auch die Kapitalrendite entwickelte sich erfreulich und überschritt die Marke von 13 Prozent deutlich früher als ursprünglich geplant.
Parallel dazu wurde die Bilanz erheblich gestärkt. Seit dem Höchststand der Nettoverschuldung von rund 35 Milliarden US-Dollar unmittelbar nach der Pandemie konnte der Konzern seine Schulden um mehr als 10 Milliarden US-Dollar reduzieren. Das Verhältnis von Nettoverschuldung zu bereinigtem EBITDA sank auf 3,4 und erreichte damit erstmals seit 2019 wieder das Niveau eines Investment-Grade-Profils.
Diese Entwicklung ermöglichte die Wiederaufnahme der Dividendenzahlungen. Die Rendite hieraus beträgt im Augenblick jedoch weniger als 2 Prozent. Darüber hinaus kündigte Carnival im März ein Aktienrückkaufprogramm im Umfang von 2,5 Milliarden US-Dollar an.
Kundenvorauszahlungen verschaffen finanziellen Spielraum
Ein oft unterschätzter Vorteil des Geschäftsmodells liegt in den Anzahlungen der Kunden. Kreuzfahrten werden häufig sechs bis zwölf Monate vor Reisebeginn gebucht, sodass Carnival bereits lange vor Reiseantritt über erhebliche Liquiditätszuflüsse verfügt.
Aktuell verwaltet das Unternehmen rund 7,5 Milliarden US-Dollar an Kundeneinlagen. Diese Mittel stehen faktisch als zinsfreie Finanzierung zur Verfügung und verschaffen dem Konzern einen erheblichen Vorteil beim Working Capital.
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Erwartungen an die Zahlen zum zweiten Quartal
Nach dem starken ersten Quartal hob Carnival seine Jahresprognose an. Für das Geschäftsjahr 2026 erwartet das Management inzwischen ein Wachstum der Net Yield von 2,75 Prozent. Die bereinigten Kreuzfahrtkosten ohne Treibstoff sollen um 3,1 Prozent steigen.
Belastend wirkten zuletzt höhere Ölpreise, die auf die Prognosen für EBITDA und Nettogewinn drückten. Allerdings hat sich das Umfeld inzwischen verändert. Mit den jüngsten Entspannungssignalen im Nahen Osten und den rückläufigen Ölpreisen könnten die Treibstoffkosten in den kommenden Quartalen niedriger ausfallen als bislang angenommen.
Die aktuelle Unternehmensprognose basiert auf einem Brent-Ölpreis von etwa 90 US-Dollar je Barrel bis Mai, 85 US-Dollar im dritten Quartal und 80 US-Dollar im vierten Quartal. Sollte sich der Preisrückgang im Sommer fortsetzen, könnten sich daraus zusätzliche Ergebnisverbesserungen ergeben.
Für die anstehenden Quartalszahlen werden daher insbesondere fünf Kennzahlen entscheidend sein: die Entwicklung der Net Yield, der Gewinn je Aktie, mögliche Anpassungen der Jahresprognose, die Höhe der Kundeneinlagen sowie die Umsetzung des Aktienrückkaufprogramms.
Attraktive Bewertung trotz Kursanstieg
Die Aktie notiert derzeit bei rund 31 US-Dollar. Daraus ergibt sich ein erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 14 sowie ein erwartetes Verhältnis von Unternehmenswert zu EBITDA von etwa 9,4.
Auf Basis eines geschätzten freien Cashflows von rund 3 Milliarden US-Dollar wurde eine Discounted-Cashflow-Bewertung mit verschiedenen Szenarien durchgeführt. Selbst unter konservativen Annahmen ergibt sich ein fairer Wert von knapp 35 US-Dollar je Aktie und damit ein Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Kurs.
Ein realistisches Basisszenario führt zu einem fairen Wert von rund 41 US-Dollar je Aktie. Die Sensitivitätsanalyse zeigt zudem, dass zahlreiche Szenarien sogar deutlich höhere Bewertungen rechtfertigen würden. Nur unter sehr restriktiven Annahmen ergibt sich ein Wert leicht unter dem aktuellen Börsenkurs.
Aus Bewertungssicht erscheint die Sicherheitsmarge damit weiterhin attraktiv. Vor den anstehenden Quartalszahlen bleibt die Aktie daher aussichtsreich.
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Fazit
Carnival profitiert von einer starken Nachfrage, steigenden Erträgen und einem konsequenten Schuldenabbau. Sollten die Quartalszahlen die robuste Entwicklung bestätigen und die Treibstoffkosten weiter sinken, könnte die Aktie trotz der jüngsten Kursgewinne weiteres Potenzial besitzen.
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