BioNTech ringt um Neustart
Der nächste Schritt im harten Umbau
Bei BioNTech geht der radikale Strategiewechsel in die nächste Phase. Wie aus mehreren Berichten hervorgeht, hat das Unternehmen bereits vertrauliche Gespräche mit potenziellen Interessenten über den Verkauf seiner deutschen Standorte geführt. Spekulationen darüber gibt es schon länger, nun scheint der Umbau aber deutlich konkreter zu werden. Selbst Konkurrent Moderna wird in diesem Zusammenhang als möglicher Interessent genannt.
Damit setzt BioNTech seinen tiefgreifenden Rückzug aus dem alten Geschäftsmodell konsequent fort. Die Corona-Sonderkonjunktur ist vorbei, die Nachfrage nach dem Impfstoffgeschäft längst eingebrochen – und der Konzern versucht nun, sich aus den Strukturen der Pandemie-Jahre herauszuschälen.
Energie und Rohstoffe bleiben spannend: Nebst Biotech und Pharma sogleich einmal auf das Thema im neuen exklusiven Report rund um Rohstoffe und der generellen Energiekrise als Börsenchance geschaut.
Schlussstrich unter Kapitel
Was einst die größte deutsche Biotech-Erfolgsgeschichte war, ist inzwischen zu einer schwierigen Übergangsphase geworden. Der mit Pfizer vermarktete Covid-Impfstoff Comirnaty brachte BioNTech Milliarden ein, doch weitere große kommerzielle Erfolge blieben bislang aus.
Die Antwort des Managements fällt entsprechend drastisch aus: Werke in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen sollen bis Ende 2027 aufgegeben werden, die Covid-Produktion wird vollständig an Pfizer übergeben. Bis zu 1.860 Arbeitsplätze könnten wegfallen. Auch die Berliner Tochter JPT Peptide steht offenbar zum Verkauf.
BioNTech zieht damit einen harten Schlussstrich unter das alte Impfstoffgeschäft – und richtet den Konzern vollständig neu aus.
Die Zukunft heißt Krebsforschung
Die frei werdenden Mittel sollen vor allem in die Onkologie fließen. Genau dort will BioNTech seine Zukunft finden: mit mRNA-basierten Krebstherapien und personalisierten Immunbehandlungen. Operativ ist das nachvollziehbar, denn der Konzern verfügt weiterhin über eine starke Technologieplattform, hohe liquide Mittel und eine umfangreiche Pipeline.
An der Börse ist das Papier damit allerdings längst keine klassische Impfstoffaktie mehr. Wer heute in BioNTech investiert, setzt vor allem auf den Erfolg der Krebsforschung – und damit auf ein Feld, das enorme Chancen bietet, aber auch enorme Risiken mit sich bringt. Denn zwischen vielversprechenden Studiendaten und einem echten Blockbuster-Medikament liegen oft Jahre, Rückschläge und hohe Entwicklungskosten.
Abgang der Gründer bleibt Störfaktor
Zusätzliche Unsicherheit bringt der geplante Rückzug von Uğur Şahin und Özlem Türeci. Dass ausgerechnet die beiden wissenschaftlichen Architekten des Konzerns in dieser entscheidenden Phase ihren Abschied vorbereiten, kommt am Kapitalmarkt nicht gut an.
Noch heikler wird die Lage durch die Pläne für ein neues mRNA-Unternehmen der Gründer. Zwar soll alles zu marktüblichen Bedingungen laufen, dennoch bleiben Fragen nach Transparenz, Interessenkonflikten und der langfristigen Interessenlage der Minderheitsaktionäre im Raum. Genau diese Governance-Fragen könnten BioNTech noch länger begleiten.
Viel Hoffnung, aber wenig Rückenwind
Fundamental steht BioNTech heute an einem Wendepunkt. Der Konzern verfügt zwar weiterhin über die finanzielle Stärke, um den tiefgreifenden Umbau aus eigener Kraft zu stemmen. Gleichzeitig bröckeln die Erlöse aus dem einst so lukrativen Impfstoffgeschäft, während die neue Investmentstory inzwischen fast vollständig an der Onkologie-Pipeline hängt.
Die aktuellen Berichte über mögliche Standortverkäufe zeigen zwar, dass das Management den Neustart konsequent vorantreibt und sich Stück für Stück von alten Strukturen löst. Neue Fantasie entfacht das am Markt bislang jedoch noch nicht. Dafür überwiegen bei vielen Anlegern weiterhin die Zweifel – an der operativen Übergangsphase, an der Visibilität möglicher künftiger Erfolge und nicht zuletzt an der Frage, wie stark BioNTech ohne seine Gründer aufgestellt sein wird.
Entsprechend verhalten fällt auch die Reaktion an der Börse aus. Die Aktie kann aus der Meldung zunächst kein Kapital schlagen und liegt aktuell rund ein Prozent im Minus bei 83,55 Euro. Ganz so schwach, wie es auf den ersten Blick aussieht, ist das charttechnische Bild allerdings nicht mehr: Nach der Erholung der vergangenen Wochen notiert das Papier weiterhin über der für den kurz- und mittelfristigen Trend wichtigen 50-Tage-Linie, die derzeit im Bereich von gut 80 Euro verläuft. Das ist zumindest ein erstes Zeichen dafür, dass der Markt den harten Umbaukurs nicht mehr ausschließlich negativ bewertet – auch wenn der große Befreiungsschlag an der Börse bislang noch ausbleibt.
ℹ️ BioNTech in Kürze
- BioNTech (WKN: A2PSR2) ist ein deutsches Biotech-Unternehmen mit Sitz in Mainz, das auf die Entwicklung und Herstellung patientenspezifischer aktiver Immuntherapien zur Behandlung von Krebs und Infektionskrankheiten fokussiert ist.
- In den letzten Jahren wurde das Unternehmen durch seinen Impfstoff gegen das Coronavirus (Covid-19) weltbekannt und entwickelte sich zu einem Milliardenkonzern.
- An der Börse ist BioNTech derzeit mit rund 24,7 Milliarden US$ bewertet.
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Fazit
BioNTech befindet sich in der wohl kritischsten Phase seit dem Börsengang. Der Konzern baut sich konsequent um, trennt sich von alten Strukturen und setzt alles auf die Krebsforschung. Das ist mutig und langfristig durchaus chancenreich – kurzfristig aber bleibt es vor allem eine Wette.
Für mich ist die Aktie deshalb aktuell eher eine Halteposition als ein klarer Kauf. Wer investiert ist, setzt darauf, dass aus der starken Forschung am Ende auch echte Blockbuster werden. Wer neu einsteigen will, braucht vor allem eines: Geduld – und die Bereitschaft, eine ganze Menge Unsicherheit mitzukaufen.