stock.adobe.com

Netflix-Aktie: Bullenfalle? Darum kann es noch viel tiefer gehen...

Vorsicht geboten
Redaktion
Die Netflix-Aktie hat seit ihren Höchstständen deutlich an Wert verloren und wirkt auf den ersten Blick wieder attraktiver bewertet. Dennoch sprechen nach Ansicht kritischer Marktbeobachter zahlreiche fundamentale und makroökonomische Faktoren dafür, dass das Abwärtspotenzial noch nicht ausgeschöpft sein könnte.

Makroökonomisches Umfeld rückt stärker in den Vordergrund

Bei der Bewertung einzelner Unternehmen wie Netflix konzentrieren sich viele Marktteilnehmer vor allem auf Quartalszahlen und Unternehmenskennzahlen. Dabei geraten übergeordnete Entwicklungen häufig in den Hintergrund, obwohl sie einen erheblichen Einfluss auf die Aktienmärkte haben können.

Aus dieser Perspektive wird derzeit vor einer möglichen erneuten Inflationswelle sowie vor den Folgen der hohen Staatsverschuldung in den USA gewarnt. Ein erheblicher Teil der bestehenden Schulden muss innerhalb der kommenden Monate zu deutlich höheren Zinsen refinanziert werden. Gleichzeitig bestehen Risiken rund um die gegenwärtige Dynamik des KI-Booms, dessen wirtschaftliche Auswirkungen nach Ansicht der Analysten vielfach unterschätzt werden.

Ein weiterer Warnhinweis ergibt sich aus der Entwicklung der kreditfinanzierten Wertpapierkäufe. Die Margin Debt im Verhältnis zur Geldmenge M2 liegt inzwischen über dem Niveau der globalen Finanzkrise und nähert sich den Höchstständen der Dotcom-Blase. Historisch folgten auf derart hohe Verschuldungsquoten häufig abrupte Marktkorrekturen. In einem solchen Umfeld geraten auch qualitativ hochwertige Unternehmen oftmals deutlich unter Druck.

Wachstum verlangsamt sich zunehmend

Netflix bleibt operativ ein äußerst erfolgreiches Unternehmen. Dennoch sprechen mehrere Kennzahlen dafür, dass sich das Geschäftsmodell zunehmend in einer reiferen Unternehmensphase befindet.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist inzwischen auf rund das 22-Fache gefallen und liegt damit deutlich unter dem Niveau von etwa 60 vor einem Jahr. Trotz dieser niedrigeren Bewertung bestehen Zweifel daran, ob das Unternehmen dauerhaft noch als klassischer Wachstumswert eingestuft werden sollte.

Der Umsatz steigt zwar weiterhin kontinuierlich, doch die Zusammensetzung dieses Wachstums verändert sich. Während die Zahl neuer Abonnenten über viele Jahre den wichtigsten Wachstumstreiber darstellte, verliert dieser Faktor zunehmend an Dynamik. Bereits im vergangenen Jahr stammte etwa die Hälfte des Umsatzwachstums aus höheren Erlösen pro Kunde.

Diese Entwicklung wurde zusätzlich durch das konsequente Vorgehen gegen Account-Sharing sowie durch Preiserhöhungen unterstützt. Beides dürfte sich künftig jedoch nur eingeschränkt wiederholen lassen.

Höhere Erlöse pro Kunde werden immer wichtiger

Da das Wachstum bei den Nutzerzahlen an natürliche Grenzen stößt, wird Netflix künftig verstärkt auf steigende Durchschnittserlöse pro Kunde angewiesen sein.

Allerdings bewegen sich diese Erlöse bereits auf einem historisch sehr hohen Niveau. Um das Umsatzwachstum der vergangenen Jahre fortzusetzen, wären dauerhaft zweistellige Steigerungsraten bei den Erlösen je Nutzer erforderlich. Nach Einschätzung der Analysten erscheint dieses Szenario zunehmend anspruchsvoll.

Neue Geschäftsfelder wie das werbefinanzierte Abonnement werden zwar zusätzliche Einnahmen generieren, dürften jedoch eher dazu dienen, das bestehende Wachstum zu stabilisieren, als einen völlig neuen Wachstumsschub auszulösen.

Gerade in einer schwächeren Konjunktur werden Werbebudgets häufig als Erstes reduziert, wodurch die Erwartungen an dieses Geschäftsfeld zusätzlichen Unsicherheiten unterliegen.

Gewinnschätzungen erscheinen ambitioniert

Auch bei den Gewinnerwartungen sehen die Analysten erheblichen Optimismus eingepreist.

Für 2026 rechnen Marktbeobachter mit einem Gewinn je Aktie von 3,59 Dollar. Allerdings war das Ergebnis des ersten Quartals durch eine einmalige Zahlung im Zusammenhang mit einer Transaktion mit Warner Bros. Discovery deutlich begünstigt.

Bereinigt um diesen Sondereffekt ergibt sich nach Ansicht der Analysten ein wesentlich niedrigeres nachhaltiges Gewinnniveau. Daraus leiten sie für 2026 einen Gewinn je Aktie von rund 3,13 Dollar ab. Auch für 2027 liegen ihre Erwartungen mit etwa 3,71 Dollar leicht unter dem Marktkonsens.

Grundlage dieser Berechnungen ist eine historische Analyse der Gewinnmargen. Dabei wurde untersucht, wie stark Verbesserungen der operativen Marge tatsächlich im Nettogewinn ankommen. Die Auswertung historischer Daten ergibt einen durchschnittlichen Übertragungsgrad von rund 93 Prozent.

Selbst unter Berücksichtigung der Unternehmensprognosen ergeben sich daraus niedrigere Gewinnschätzungen als jene, die derzeit am Markt erwartet werden.

Bewertung setzt dauerhaft hohes Wachstum voraus

Auf Basis eines Reverse-Valuation-Modells kommen die Analysten zu dem Ergebnis, dass der aktuelle Börsenkurs weiterhin ambitionierte Annahmen widerspiegelt.

Demnach müsste Netflix seine Gewinne zwischen 2028 und 2030 jährlich um rund neun Prozent steigern. Anschließend wäre über einen Zeitraum von zehn Jahren ein durchschnittliches Gewinnwachstum von etwa 7,5 Prozent erforderlich.

Angesichts der zunehmenden Marktsättigung, des verlangsamten Kundenwachstums sowie eines möglicherweise schwierigeren wirtschaftlichen Umfelds erscheinen diese Annahmen nach Einschätzung der Analysten anspruchsvoll.

Aus ihrer Sicht bewertet der Markt Netflix weiterhin wie ein Unternehmen mit langfristig außergewöhnlich hohen Wachstumsraten, obwohl die operativen Kennzahlen zunehmend Merkmale eines etablierten Marktführers zeigen.

Charttechnik liefert zusätzliche Warnsignale

Neben fundamentalen Faktoren wird auch die Charttechnik als ergänzender Risikohinweis betrachtet.

Im Kursverlauf der Netflix-Aktie hat sich nach Einschätzung der Analysten eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation herausgebildet. Sollte die Unterstützung im Bereich von 70 Dollar nachhaltig unterschritten werden, könnte sich dieses Muster vollständig aktivieren.

Das daraus abgeleitete technische Kursziel liegt im Bereich der Tiefstände aus dem Jahr 2022. Dabei wird ausdrücklich betont, dass es sich nicht um einen fundamental begründeten fairen Wert handelt, sondern lediglich um ein mögliches Szenario im Rahmen einer ausgeprägten Marktbewegung.

Diese Faktoren könnten das negative Szenario verhindern

Die pessimistische Einschätzung basiert auf einer Kombination aus makroökonomischen Risiken, Unternehmensdaten, Bewertungskennzahlen und charttechnischen Signalen.

Gleichzeitig bestehen mehrere Faktoren, die dieses Szenario widerlegen könnten. So könnte sich die US-Wirtschaft robuster entwickeln als erwartet, während die Inflation schneller zurückgeht. Ebenso wäre denkbar, dass die hohe Verschuldung an den Aktienmärkten länger bestehen bleibt, ohne eine deutliche Korrektur auszulösen.

Auch Netflix selbst könnte die Erwartungen übertreffen. Zusätzliche Effizienzsteigerungen durch künstliche Intelligenz oder stärker als erwartete Erlöszuwächse im Werbegeschäft könnten die Margen weiter verbessern. Darüber hinaus könnte ein positiver Nachrichtenfluss das derzeitige charttechnische Bild vollständig verändern.

Warum die Analysten weiterhin vorsichtig bleiben

Netflix zählt weiterhin zu den profitabelsten und wettbewerbsstärksten Streaming-Anbietern weltweit. Das Unternehmen verfügt über eine starke Marktstellung und erzielt beeindruckende operative Ergebnisse.

Dennoch sehen die Analysten die Aktie weiterhin kritisch. Das Wachstum bei den Abonnenten verliert an Dynamik, steigende Erlöse pro Nutzer stoßen zunehmend an Grenzen und die Erwartungen an Umsatz- sowie Gewinnentwicklung erscheinen ambitioniert. Gleichzeitig erhöhen ein angespanntes makroökonomisches Umfeld, hohe Bewertungen am Gesamtmarkt und optimistische Gewinnerwartungen das Risiko negativer Überraschungen.

Vor diesem Hintergrund halten die Analysten das Verhältnis zwischen Chancen und Risiken trotz des deutlichen Kursrückgangs weiterhin für unattraktiv und bleiben bei ihrer negativen Einschätzung der Netflix-Aktie.

ℹ️ Netflix in Kürze

  • Mit über 300 Millionen Kunden ist Netflix (WKN: 552484) der weltgrößte Streaming-Anbieter für Filme und Serien.
  • Das 1997 gegründete Unternehmen hat seinen Sitz im kalifornischen Los Gatos.
  • Netflix ist Mitglied in den US-Leitindizes Nasdaq 100 und S&P 500. Mit einem Börsenwert von ca. 327 Milliarden US$ zählt Netflix zu den 25 wertvollsten Unternehmen der Welt.

Netflix kaufen, halten oder verkaufen? Aktiviere unseren kostenlosen Aktien-Alarm, damit Du keine kursrelevante Entwicklung verpasst.

Jetzt Aktien-Alarm aktivieren »

Redaktion

Fazit

Netflix bleibt operativ ein außergewöhnlich starkes Unternehmen, doch aus Sicht der Analysten spiegelt der Aktienkurs weiterhin hohe Wachstumserwartungen wider. Sollten sich Konjunktur, Gewinnentwicklung oder Marktstimmung eintrüben, könnte die Bewertung erneut unter Druck geraten. Wir würden die Aktie aktuell meiden und die jüngste Gegenbewegung eher als Bullenfalle betrachten.

Echte Top-Rendite: Als Mitglied bei sharedealsPlus profitierst Du von wahren Börsenstars und den richtigen Aktientipps zur richtigen Zeit!