Gerresheimer-Aktie: Wurde die Sorgfalt übertrieben abgestraft?

Ziele verschoben

Die Gerresheimer-Aktie wurde aufgrund neuer Unregelmäßigkeiten zuletzt brutal abgestraft. Auch am Montag verliert sie weiterhin -1,8% und steht bei 19,70 €. Damit liegt sie wieder auf dem Niveau von 2010. Lohnt sich jetzt ein Einstieg?

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Radikale Aufarbeitung begonnen

Nach den letzten Bilanzierungsvorwürfen wurde aufgrund neuer Erkenntnisse die Vorlage des Geschäftsberichtes für 2025 verschoben. Das neue Management unter dem Interim-CEO Uwe Röhrhoff sowie dem neuen CFO Wolf Lehmann will alle Ungereimtheiten sorgfältig aufarbeiten.

Hierzu wurde auch eine zweite Prüfgesellschaft beauftragt. Es betrifft die Jahresabschlüsse für 2024 und 2025. Prüfungen zeigten weitere Unregelmäßigkeiten einzelner Mitarbeiter. Es betrifft Umsatzerlöse, Bilanzierungen und Bewertungen von Vorratsvermögen. Personelle und organisatorische Maßnahmen wurden bereits ergriffen.

Für das Geschäftsjahr kann es zu einer Umsatzkorrektur von 35 Millionen € kommen sowie zu einer Korrektur von 24 Millionen € beim bereinigten EBITDA. Darüber hinaus steht ein Abschreibungsbedarf von 220 bis 240 Millionen € für 2025 im Raum.

Für das Geschäftsjahr erwartet das Unternehmen einen Umsatzrückgang von 2 bis 4% sowie eine EBITDA-Marge von 16,5 bis 17,5% Zuletzt lag die erwartete EBITDA-Marge bei 18,5 bis 19%.

Die Verschiebung des Jahresabschlusses ist richtig und notwendig. Es nutzt keinem, wenn Zahlen vorschnell veröffentlicht werden und später wieder korrigiert werden müssten. Dann wäre der Vertrauensschaden noch viel größer und der Kursverlust würde wahrscheinlich noch deutlicher ausfallen.

Wolf Lehmann, neuer CFO der Gerresheimer, begründete die Verschiebung so:

Als neu formiertes Vorstandsteam wollen wir sicherstellen, dass der Jahres- und der Konzernabschluss 2025 unseren Ansprüchen an Qualität, Konformität und Transparenz vollumfänglich entspricht.

Vorsichtige Prognose erstellt

Im Hinblick auf die vorhandene Situation dürfte die Jahresprognose konservativ sein. Beim Umsatz wird ein Wert von 2,3 bis 2,4 Milliarden € erwartet. Die EBITDA-Marge soll bei 18 bis 19% liegen. Zudem wird mit einem moderaten Free Cashflow gerechnet.

Transformation eingeleitet

Um den Konzern effizienter und profitabler zu machen, wurde ein Transformationsprogramm aufgelegt. Das Programm beinhaltet unter anderem eine selektivere Investitionsplanung, ein verbessertes Working-Capital-Management, Maßnahmen zur Steigerung der operativen und vertrieblichen Performance und die Optimierung des Einkaufs sowie des globalen Produktionsnetzwerkes. Hierzu wird das US-Werk in Chicago Ende 2026 geschlossen.

Um die Bilanz- sowie die Finanzstruktur zu stärken, ist der Verkauf der US-Tochter Centor geplant. Morgan Stanley wurde mit dem Verkaufsprozess mandatiert.

Was bedeutet das für die Aktie

Obwohl der tatsächliche Schaden im Hinblick auf die wirtschaftliche Lage des Konzerns überschaubar ist, ist der Vertrauensverlust enorm. Das führte letztlich auch zu dem Kurseinbruch: Gegenüber dem Kurs von 82 € im März hat er sich mittlerweile geviertelt.

Bis es zu einer nachhaltigen Bodenbildung kommt, dürfte es noch etwas dauern. Wichtig ist, dass keine weiteren Verfehlungen festgestellt werden. Ich halte die Aktie insgesamt für unterbewertet und sehe den fairen Wert bei 27 €. Eine sorgfältige Aufarbeitung ist sehr wichtig. Das neue Management wird alles tun, damit alle Unregelmäßigkeiten beseitigt werden.

Wichtiger als die Vergangenheit ist ein Blick in die Zukunft. Im laufenden Geschäftsjahr soll die EBITDA-Marge wieder bei 18 bis 19% liegen. Der Verkauf von Centor dürfte die finanzielle Basis für die Transformation stärken.

Viele Analysten sehen das ebenso; sie behielten ihre Kursziele bei. JP Morgan mit 46 €, die Deutsche Bank mit 34, und die UBS mit 29 € gehören zu dieser Gruppe. Die DZ Bank reduzierte ihren Zielkurs von 23 auf 16 €, auch Bernstein Research reduzierte ihren Zielkurs von 25,68 € auf 18,90 €.

Mein Fazit: Für risikobewusste Anleger bietet das jetzige Kursniveau gute Einstiegskurse; alle anderen Anleger sollten vorerst abwarten.

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ℹ️ Gerresheimer in Kürze

  • Die Gerresheimer AG (WKN: A0LD6E) stellt Spezialprodukte in den Bereichen Glas und Kunststoff insbesondere für die Pharma- sowie Healthcare-Industrie her und gilt als weltweit führender Schlüssellieferant für diese Branchen. Die Produkte reichen vom Insulin-Pen bis zu Ampullen, aber auch schnöde Parfümflakons gehören zum Portfolio.
  • Der Hauptsitz ist in Düsseldorf, daneben ist der Konzern weltweit mit Standorten in Europa, Asien und Amerika vertreten.
  • Die Aktie ist im MDAX gelistet, die Marktkapitalisierung beträgt aktuell 679 Millionen €.
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