Amazon-Aktie: Deutlich über 300 US-Dollar noch dieses Jahr?

Allzeithoch in Reichweite
Redaktion

Seit unserem letzten Update vergangene Woche hat sich die Amazon-Aktie stark entwickelt und sich wieder näher an ihr Allzeithoch herangetastet. Wie hoch kann es im neuen Jahr gehen?

stock.adobe.com/Mike_Mareen

Amazon wird von uns mit einer klar positiven langfristigen Einschätzung versehen, da sich der Schwerpunkt von der reinen Bereitstellung generativer KI-Rechenleistung hin zu einem strukturellen Vorteil im Bereich agentischer Infrastrukturen verlagert. Die enge Verzahnung eigener Hochleistungschips der Trainium-Generation mit dem AgentCore-Framework positioniert Amazon Web Services zunehmend als Betriebssystem für autonome Unternehmensprozesse.

Im Handelsgeschäft belasten zwar der Ausbau ultraschneller Lieferketten sowie regulatorische Vergleiche mit der Federal Trade Commission die Margen. Gleichzeitig sorgt jedoch die erneute Beschleunigung des AWS-Wachstums auf über 20 Prozent im Jahresvergleich bei einer Umsatzrate von rund 132 Milliarden US-Dollar sowie die schrittweise Monetarisierung eines Auftragsbestands von etwa 200 Milliarden US-Dollar für eine wachsende Entkopplung des inneren Unternehmenswerts von zyklischen Nutzungsschwankungen. Das zentrale Risiko liegt in der extrem hohen Kapitalintensität mit Investitionen von mehr als 125 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025, die den freien Cashflow erheblich belasten und eine wachsende Lücke zwischen Investitionen und Abschreibungen erzeugen.

Technisches Kursbild signalisiert Aufwärtspotenzial bis Jahresende

Aus technischer Sicht bewegt sich die Amazon-Aktie in einem seit Mitte 2024 etablierten Aufwärtstrendkanal. Der Kurs testet aktuell die Unterstützung des gleitenden 13-Wochen-Durchschnitts, der sich während der gesamten Rallye 2025 als stabile Rücklaufzone erwiesen hat. Unterhalb des bisherigen Rekordhochs konsolidiert der Titel und bereitet statistisch den nächsten impulsiven Aufwärtsabschnitt vor. Projektionen auf Basis von Fibonacci-Erweiterungen deuten zunächst auf ein Kursziel im Bereich von rund 309 US-Dollar zur Jahresmitte 2026 hin, gefolgt von einem weiterführenden Ziel um 350 US-Dollar bis zum Jahresende. Diese Marken liegen im Bereich der oberen Analystenschätzungen.

Momentum-Indikatoren bestätigen konstruktive Marktstruktur

Die gängigen Momentum-Indikatoren stützen das positive Bild. Der Stochastik-Oszillator bewegt sich im neutralen Bereich und signalisiert damit Spielraum für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends ohne kurzfristige Überhitzung. Parallel dazu hat der MACD nach einer Phase der Kompression wieder in den positiven Bereich gedreht, was auf zunehmende Akkumulation hindeutet. Auch der Relative-Stärke-Index notiert oberhalb von 60 Punkten und bleibt deutlich unter der Überkauft-Schwelle. Die Serie höherer Tiefpunkte bestätigt, dass Rücksetzer weiterhin zum Einstieg genutzt werden.

Agentische Ökonomie als struktureller Wachstumstreiber

Der langfristig entscheidende Impuls für die Aktie liegt zunehmend außerhalb klassischer Cloud- und Handelskennzahlen. Amazon positioniert sich als industrieller Taktgeber der entstehenden agentischen Ökonomie, gestützt auf eigene Siliziumkompetenz. Nach der Phase generativer KI rücken autonome Agenten in den Mittelpunkt, die dauerhaft Aufgaben ausführen und iterative Entscheidungsprozesse abbilden. Die rasche Skalierung entsprechender Plattformen signalisiert eine Verschiebung des Wertangebots von reiner Rechenleistung hin zu digitaler Arbeitskraft.

Im Gegensatz zu klassischen Chatbots, die nur bei Nutzerinteraktion aktiv sind, laufen agentische Systeme kontinuierlich und benötigen deutlich mehr Inferenzleistung. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit dieses Modells hängt entscheidend von den Hardwarekosten ab. Durch eigene Chips der Trainium-Generation reduziert Amazon die Abhängigkeit von externen GPU-Anbietern wie Nvidia und sichert sich einen strukturellen Margenvorteil. Die Kombination aus fortschrittlicher Chiparchitektur und enger Softwareintegration schafft eine Eintrittsbarriere für Wettbewerber.

Skaleneffekte durch proprietäre Infrastruktur und Datenbindung

Ein zentraler Beleg für diese Strategie ist der großvolumige Einsatz von Trainium-Chips im Rahmen externer Partnerschaften. Die Optimierung leistungsfähiger KI-Modelle auf AWS-Hardware führt dazu, dass agentische Systeme besonders effizient auf dieser Plattform laufen. Der daraus resultierende Kostenvorteil wird bei großflächigem Einsatz autonomer Agenten zum entscheidenden Faktor bei der Plattformwahl.

Mit sinkenden Inferenzkosten steigt die Zahl der eingesetzten Agenten, wodurch wiederum enorme Mengen proprietärer Daten entstehen. Diese werden innerhalb des AWS-Ökosystems gespeichert und ausgewertet, was eine starke Datenbindung erzeugt. Für Unternehmenskunden wird ein Plattformwechsel ökonomisch zunehmend unattraktiv. Die hohe Nachfrage nach ergebnisorientierten Diensten deutet darauf hin, dass Amazon nicht nur IT-Budgets adressiert, sondern perspektivisch auch Teile des Arbeitsmarkts substituiert. Das adressierbare Marktpotenzial übersteigt damit die klassischen IT-Ausgaben deutlich, wie auch Prognosen von Gartner und makroökonomische Analysen von EY nahelegen.

Bewertung der Aktie unter Berücksichtigung agentischer Prämien

Eine segmentierte Bewertung auf Basis der einzelnen Geschäftsbereiche ergibt für 2026 einen Unternehmenswert von rund 3,3 Billionen US-Dollar. Das Cloud- und Agentengeschäft wird dabei mit einem Umsatzmultiplikator bewertet, der sich an Vergleichsunternehmen wie Alphabet orientiert, jedoch einen Aufschlag für die überdurchschnittlichen Margen und die technologische Differenzierung enthält. Das Werbegeschäft wird analog zu Meta eingeordnet, während der Handel eher an Bewertungsmaßstäben von Walmart angelehnt ist. Das Abonnementgeschäft weist Parallelen zu Netflix auf.

Nach Abzug der Nettoverschuldung ergibt sich ein rechnerischer Aktienwert von etwas über 300 US-Dollar für 2026. Bei beschleunigtem Wachstum im Agentenbereich und einer moderaten Multiple-Ausweitung wäre auch ein Wert jenseits von 320 US-Dollar plausibel und damit konsistent mit den technischen Projektionen.

Kapitalintensität als zentrales strukturelles Risiko

Der größte Belastungsfaktor für die Aktie bleibt die wachsende Diskrepanz zwischen Investitionsvolumen und tatsächlicher wirtschaftlicher Nutzungsdauer der Hardware. Die Verlängerung der bilanziellen Abschreibungsdauer von Servern verbessert kurzfristig das ausgewiesene Ergebnis, birgt jedoch das Risiko späterer Wertberichtigungen. Im KI-Bereich veralten Systeme deutlich schneller als klassische Cloud-Server. Sollten umfangreiche Abschreibungen notwendig werden, könnte dies Gewinn und Bewertung spürbar belasten.

Hinzu kommt der starke Rückgang des freien Cashflows infolge massiver Investitionen. Bleibt die Monetarisierung agentischer Umsätze hinter den Erwartungen zurück, droht eine Phase hohen Umsatzwachstums bei gleichzeitig schwacher Cash-Generierung. Zusätzlich erhöhen infrastrukturelle Engpässe im Energiesektor das Risiko gebundener, nicht produktiver Investitionen.

Ausblick auf die kommenden Quartale

Mit Blick auf die anstehenden Quartalszahlen richten sich die Erwartungen auf eine robuste Entwicklung im Cloud-Geschäft bei gleichzeitigem Margendruck im Handel. Der Markt dürfte besonders sensibel auf Investitionsausblicke reagieren. Solange die operative Marge von AWS oberhalb der Marke von 35 Prozent bleibt, überwiegt die Wachstumsstory. Ein deutlicher Rückgang könnte jedoch eine Neubewertung auslösen.

In der Gesamtschau hat sich Amazon von einem reinen E-Commerce-Unternehmen zu einer tragenden industriellen Plattform der KI-Ökonomie entwickelt. Die Kombination aus agentischer Software, proprietärer Hardware und geschlossener Infrastruktur rechtfertigt eine strukturelle Prämie, solange Kostenkontrolle und Cashflow-Disziplin gewahrt bleiben.

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ℹ️ Amazon in Kürze

  • Amazon (WKN: 906866) mit Hauptsitz in Seattle im US-Bundesstaat Washington ist ein global agierender Online-Versandhändler mit einer breit gefächerten Produktpalette.
  • In vielen Produktkategorien ist Amazon der weltweit führende Einzelhändler. Über die Verkaufs- und Logistikplattform des Konzerns können auch Privatpersonen und andere Händler ihre Produkte anbieten.
  • Neben seiner marktführenden Position im E-Commerce ist Amazon über seine Sparte Web Services auch der weltweit größte Anbieter von Cloud Computing-Diensten.
  • Amazon notiert im Nasdaq 100 sowie im S&P 500 Index und ist mit einem aktuellen Börsenwert von ca. 2,59 Billionen US$ das fünftwertvollste Unternehmen der Welt.
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