CRISPR Therapeutics-Aktie: Goldgrube oder Kapitalvernichtung?

Hoffnung Gentherapien

Wir sind bekennende GARP-Anhänger (Growth at a Reasonable Price). Nicht aus Prinzip, sondern aus Erfahrung. Wachstum ja – aber bitte nicht um jeden Preis. Wir haben in den letzten zwanzig Jahren genug Moden kommen und gehen sehen, von „New Economy“ bis SPAC-Fieber. Am Ende blieb immer dieselbe Frage: Was bekommen wir für unser Risiko?

Female biochemist working with computer showing gene therapy interface at medical science laboratory with team of professional biotechnology scientists for developing drugs.
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Im Aktienbereich – Optionen lassen wir hier bewusst außen vor, das ist ein anderes Biest – suchen wir Wachstum, das noch nicht völlig überteuert ist. Unser Kernportfolio liegt im IT-Sektor, Hardware, Software, die üblichen Verdächtigen. Berechenbarer. Skalierbar. Aber wir streuen gern. Und Biotech ist dabei so etwas wie die spekulative Ecke unseres Depots – mit Hebel.

Unsere Biotech-Logik ist eigentlich simpel. Entweder ein Unternehmen mit mehreren Produkten kurz vor dem Durchbruch und positivem Free Cashflow – schwer zu finden. Oder ein frisch gelaunchtes Produkt mit Blockbuster-Potenzial, ausreichend Cash, möglichst schuldenfrei. Oder ein Kandidat kurz vor Zulassung, den wir im Zweifel auch wieder verkaufen, sobald der Markt euphorisch wird. Wir lieben diese Pre-Approval-Rallys. Und wir lieben es, sie nicht bis zum bitteren Ende mitzumachen.

CRISPR Therapeutics hat mit CASGEVY ein gene-editierendes Produkt auf dem Markt, das – wir sagen es bewusst so deutlich – das Zeug zum Blockbuster hat. Fast zwei Milliarden Dollar Cash, keine Schulden. Zwei, vielleicht drei Jahre Luft. Das ist nicht üppig, aber auch kein akuter Notfall. Und trotzdem stört uns etwas.

Die Pipeline ist breit. Zu breit? Wir haben eine Abneigung gegen nicht profitable Biotechs, die gleichzeitig an fünf Fronten kämpfen. Fokus schlägt Vision. Zwei, drei Programme. Nicht zehn. Aber gut, man kann argumentieren, dass Diversifikation in der Forschung das Risiko verteilt. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

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CASGEVY – Hoffnungsträger mit heftigem Preisschild

CASGEVY ist eine Ex-vivo-CRISPR/Cas9-Therapie gegen schwere Sichelzellkrankheit und transfusionsabhängige Beta-Thalassämie. Gemeinsam mit Vertex Pharmaceuticals entwickelt, wobei Vertex die Umsätze verbucht und 40 % der Nettogewinne an CRISPR weiterreicht. Ein interessantes Konstrukt. Risiko- und Ertragsaufteilung zugleich.

Die Wirksamkeitsdaten sind beeindruckend. 100 % der SCD-Patienten ohne Krankenhausaufenthalt über zwölf Monate. Das liest sich wie ein medizinischer Durchbruch. Und vielleicht ist es das auch.

Aber. Und dieses Aber wiegt schwer.

Der Preis liegt in den USA bei rund 2,2 Millionen Dollar. Wir halten diese Diskussion über „Equitable Access“ nicht für akademisch, sondern für brandgefährlich. Wer glaubt, dass solche Preise politisch auf Dauer unangetastet bleiben, hat die letzten Jahre in Washington nicht aufgepasst. Oder in Europa. Oder in Kanada.

Wir modellieren konservativ mit 1,5 Millionen Dollar im Schnitt. Schon das ist ambitioniert. Und wir gehen davon aus, dass nur etwa 50 % der infrage kommenden Patienten tatsächlich behandelt werden. Chemotherapie als Vorkonditionierung schreckt ab. Versicherer könnten bremsen. Politik sowieso.

Trotzdem kommen wir in unserem Basisszenario auf rund 5,8 Milliarden Dollar Umsatzanteil für CRISPR im Jahr 2030. Klingt groß. Ist groß. Aber Orphan-Exklusivität läuft 2031 aus. Danach wird es enger. Halbierte Umsätze? Durchaus denkbar.

Und hier sagen wir etwas Unbequemes: Viele Investoren unterschätzen, wie schnell biotechnologische Monopole bröckeln können. Wer glaubt, dass ein Vorsprung von drei Jahren im Gen-Editing ein Burggraben ist, hat die Dynamik dieses Feldes nicht verstanden.

Pipeline hinterlässt Sorgen

CTX611 (Faktor-XI-siRNA), CTX310 (ANGPTL3-Targeting via LNP), dazu Zugo-cel als allogene CAR-T. Wissenschaftlich spannend. Kapitalintensiv. Und weit entfernt von planbaren Cashflows.

Wir rechnen bei CTX611 mit vielleicht 150 Millionen Dollar risikoadjustiertem Peak-Beitrag. Bei CTX310 ähnlich. Das ist kein Gamechanger, das ist optionaler Hebel. Und Zugo-cel? Lassen wir außen vor. Zu viele Fragezeichen. Zu viele Nebenwirkungen in frühen Daten. Wir haben schon zu viele Phase-1-Träume beerdigt.

Unser DCF kommt auf einen fairen Wert um die 92 Dollar. Rund 73 % Upside gegenüber etwa 53 Dollar Kurs. Sensitivitätsanalysen zeigen: Selbst mit höherem Diskontsatz bleibt eine Unterbewertung. Rein rechnerisch.

Aber Modelle sind geduldig. Der Markt nicht.

Wir haben deshalb einen Reverse-DCF gerechnet. Wenn CASGEVY „nur“ drei Milliarden Spitzenumsatz erreicht und danach deutlich abflacht, ist der aktuelle Kurs ziemlich fair. Und das ist kein absurdes Szenario. Es ist vielleicht sogar das wahrscheinlichere.

Marktstimmung – hilfreich, aber nicht entscheidend

Der Put-Call-Ratio wirkt bullisch. Insiderkäufe im Bereich um 52–57 Dollar. Short Interest hoch, aber fallend. Technisch über der 50-Tage-Linie.

Wir nehmen das zur Kenntnis. Mehr nicht. Optionsdaten sind Momentaufnahmen. Insider können sich irren. Shorts können recht behalten. Wir haben gelernt, diese Signale als Stimmungsbarometer zu lesen – nicht als Kompass.

Risiken – und zwar echte

Abhängigkeit von einem Produkt. Politischer Preisdruck. Sicherheitsrisiken, auch wenn bisher keine Todesfälle wie bei Intellia Therapeutics gemeldet wurden. Wettbewerb, der mit in vivo oder chemo-freier Konditionierung schneller sein könnte.

Und ja, auch die banale Gefahr, dass die Pipeline schlicht nicht liefert.

Wir würden sogar weitergehen: Ein einziger schwerer Sicherheitsvorfall könnte das gesamte Bewertungsmodell pulverisieren. Das ist keine Schwarzmalerei, sondern Branchenrealität.

Unsere Strategie – bewusst mit Bauchgefühl

Wir arbeiten mit einer internen Daumenregel: Unterbewertung plus Wachstum minus Free-Cashflow-Rendite muss über unserer Unsicherheitsschwelle liegen. Hier kommen wir auf rund 118 %. Unsere Unsicherheitsschwelle setzen wir bei 90 %. Sehr hoch. Bewusst hoch.

Formal also ein Kauf.

Emotional? Ein vorsichtiger Kauf.

Wir gewichten CRISPR mit einem Viertel bis maximal einem Drittel unserer üblichen Positionsgröße. Kein Heldentum. Kein „All-in“. Wir haben keine Lust, uns von einer einzigen FDA-Meldung die Jahresperformance ruinieren zu lassen.

Und trotzdem steigen wir ein. Warum? Weil das asymmetrische Chance-Risiko-Profil stimmt. Wenn CRISPR beim Thema in vivo oder chemo-freie Konditionierung einen echten Vorsprung erreicht, dann reden wir nicht über 70 % Upside. Dann reden wir über eine Verdopplung. Vielleicht mehr. Short Squeeze inklusive.

Wir sagen es klar: Das ist kein Investment für schwache Nerven. Wer nachts nicht ruhig schläft, sollte die Finger davon lassen. Biotech ist nichts für Romantiker.

Unser Fazit: Unterbewertet mit erheblichen Risiken. Ein kalkulierter Vorstoß in ein Minenfeld – aber eines mit Goldadern darunter.

Und manchmal muss man eben entscheiden, ob man nur zuschaut. Oder ob man bereit ist, sich die Hände schmutzig zu machen.

Biotech-Tipp 2026

Ein anderer Biotech-Titel aus dem Bereich der Virologie hat aus Sicht von einem unserer erfolgreichsten Top-Profis aktuell ein günstigeres Chance-Risiko-Profil als die CRISPR-Aktie.

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ℹ️ CRISPR Therapeutics in Kürze

  • Die CRISPR Therapeutics AG mit Sitz in der Schweiz verändert durch den Einsatz von Genscheren gezielt menschliche DNA, um dadurch Krankheiten zu verhindern.
  • Das Biotech-Unternehmen wurde 2013 gegründet, unter anderem durch die spätere Chemienobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier, die maßgeblich an der Entwicklung der CRISPR-Genschere mitwirkte.
  • CRISPR Therapeutics hat mehrere Medikamente in Entwicklung. Ein Wirkstoff zur Behandlung der seltenen Blutkrankheiten Beta-Thalassämie und Sichelzellanämie wurde bereits in mehreren Ländern zugelassen.
  • Das an der US-Technologiebörse Nasdaq gelistete Unternehmen ist mit ca. 5,2 Milliarden US$ bewertet.
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