Duolingo-Aktie: Von 500 auf 100 Dollar – und zurück?

Boden schon erreicht?

Die Aktie von Duolingo, Inc. steht seit Monaten unter erheblichem Druck und hat allein im vergangenen Monat rund ein Drittel ihres Wertes eingebüßt. Während viele Investoren den gesamten SaaS-Sektor neu bewerten, gerät auch der Sprachlern-Anbieter zunehmend in den Sog einer Debatte über künstliche Intelligenz und deren Einfluss auf etablierte Geschäftsmodelle.

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Künstliche Intelligenz erschüttert das SaaS-Universum

In den vergangenen Monaten haben zahlreiche Softwareunternehmen deutliche Kursverluste verzeichnet, nachdem Anthropic KI-Agenten vorgestellt hat, die direkt in bestehende Software integriert werden können. Diese Entwicklung hat die Sorge verstärkt, dass klassische Software-as-a-Service-Modelle strukturell unter Druck geraten.

Das SaaS-Modell basiert darauf, Software über das Internet bereitzustellen und pro Nutzerlizenz eine monatliche Gebühr zu erheben. Diese nutzerbasierte Preisgestaltung ermöglicht planbare, wiederkehrende Umsätze und dient Investoren als verlässliche Grundlage zur Prognose künftiger Cashflows. Kennzahlen wie der jährlich wiederkehrende Umsatz gelten dabei als zentrale Bewertungsmaßstäbe.

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Mit dem Aufkommen leistungsfähiger KI-Agenten wird dieses Modell jedoch infrage gestellt. Systeme wie Claude oder andere Assistenzlösungen können komplexe Aufgaben eigenständig innerhalb von Softwareumgebungen ausführen. Ein KI-Agent kann beispielsweise Datenbanken abfragen, Diagramme erstellen und Ergebnisse automatisch versenden – Tätigkeiten, für die bislang mehrere menschliche Nutzerlizenzen erforderlich waren. Dadurch könnten Unternehmen perspektivisch weniger kostenpflichtige Softwareplätze benötigen.

Gleichzeitig sinken potenziell die Wechselkosten zwischen Anbietern, da KI-Agenten Datenmigrationen automatisieren und die Bedienung komplexer Benutzeroberflächen übernehmen. Die bislang starken Wettbewerbsvorteile vieler SaaS-Anbieter – hohe Integrationshürden, Netzwerkeffekte und komplexe Systemlandschaften – geraten damit unter Druck. Investoren sprechen bereits von einer möglichen strukturellen Krise des Sektors, da nutzerbasierte Preismodelle durch nutzungsabhängige Abrechnung ersetzt werden könnten.

Warum Duolingo kein typischer SaaS-Fall ist

Obwohl Duolingo formal als SaaS-Unternehmen gilt, unterscheidet sich das Geschäftsmodell grundlegend von klassischen Unternehmenssoftware-Anbietern. Die Plattform richtet sich primär an Endverbraucher und nicht an Konzerne, die kollaborative Produktivitätssoftware einsetzen.

Im Gegensatz zu Lösungen wie Microsoft 365 oder AutoCAD verkauft Duolingo keine Lizenzen pro Arbeitsplatz. Es existieren weder komplexe Projektdateien noch unternehmensweite Integrationen, die hohe Wechselbarrieren erzeugen. Auch eine komplizierte Benutzeroberfläche, die umfangreiche Schulungen erfordert, gehört nicht zum Konzept.

Der wirtschaftliche Burggraben des Unternehmens liegt an anderer Stelle. Duolingo verfügt über eine enorme Datenbasis aus jahrelangen Lernverläufen seiner Nutzer. Die App wurde gezielt so optimiert, dass sie Mechanismen sozialer Netzwerke aufgreift. Funktionen wie Lernserien, Fortschrittsanzeigen und Wettbewerbe sorgen für hohe Bindung und Engagement. Diese Gamification-Elemente machen die Plattform für viele Nutzer ähnlich fesselnd wie soziale Medien.

KI als Chance

Künstliche Intelligenz wirkt hier bislang als Verstärker statt als Bedrohung. Mithilfe von KI konnte Duolingo die Zahl seiner angebotenen Kurse innerhalb kurzer Zeit erheblich ausbauen. Zudem wurde mit Max eine Funktion eingeführt, die es erlaubt, Konversationen mit einer KI zu führen und so Sprachpraxis realistischer zu gestalten. Das bestehende Abonnementmodell bleibt dabei unberührt.

Ein häufig vorgebrachtes Argument lautet, dass KI künftig problemlos eine Sprachlern-App mit vergleichbaren Funktionen entwickeln könne. Tatsächlich dürfte künstliche Intelligenz in der Lage sein, viele Features technisch zu replizieren.

Entscheidend ist jedoch weniger die reine Funktionalität als die über Jahre gewachsene Datenbasis. Duolingo kann Lerninhalte individuell anpassen, weil es detaillierte Informationen über Fortschritte, Fehlerprofile und Lernverhalten seiner Nutzer besitzt. Eine neu entwickelte Konkurrenzlösung hätte diesen historischen Datenschatz nicht. Mit zunehmender Verbreitung könnte die Plattform sogar stärker in formale Bildungsstrukturen integriert werden.

Bewertung und operative Herausforderungen

Trotz des massiven Kursrückgangs seit dem Hoch bleibt die Bewertung nicht ohne Ambition. Die Aktie hat zwar extrem korrigiert, doch gemessen an klassischen Bewertungskennzahlen notiert das Unternehmen weiterhin auf einem erhöhten Niveau.

Zudem wirken zwei belastende Faktoren fort. Erstens hat die öffentliche Diskussion über den verstärkten Einsatz von KI Auswirkungen auf das Marketing entfaltet. Analysen von Social Blade zeigen einen deutlichen Rückgang bei neu gewonnenen Followern und Interaktionen auf Plattformen wie TikTok. Damit verliert Duolingo vorübergehend an Dynamik bei der Nutzerakquise.

Zweitens hat das Management in seinem Aktionärsschreiben zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025 angekündigt, stärker auf langfristige Produktverbesserungen und Nutzerwachstum zu setzen, selbst wenn dies kurzfristig zulasten der Monetarisierung geht. Kapitalmärkte reagieren auf solche Strategiewechsel traditionell zurückhaltend, da sie kurzfristig geringere Erträge implizieren.

Trotz allem sind die operativen Erfolge bisher beachtlich: Duolingo konnte zuletzt erstmals die Marke von 50 Millionen täglich aktiven Usern überspringen. Der Quartalsumsatz stieg um fast 41% auf 272 Millionen Dollar, das bereinigte EBITDA von 47,5 auf 80 Millionen Dollar. Bei mittlerweile nur noch gut 5 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung sind das spannende Kennzahlen für ein wachstumsstarkes Softwareunternehmen.

Zwischen Volatilität und langfristiger Perspektive

Seit dem Höchststand im Mai bei 540 Dollar hat die Aktie rund 80 Prozent an Wert verloren. Mehrere skeptische Narrative – von KI-Übersetzern über App-Baukästen bis hin zur allgemeinen SaaS-Krise – haben die Bewertung erheblich gedrückt.

Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass Duolingo strukturell weniger anfällig für die sogenannte SaaS-Krise ist als klassische Unternehmenssoftware-Anbieter. Das Geschäftsmodell basiert nicht auf Arbeitsplatzlizenzen, sondern auf individueller Lernmotivation und datengetriebener Personalisierung. Im Rahmen der letzten Quartalszahlen hieß es von CEO und CO-Gründer Luis von Ahn:

Wir glauben, dass wir noch am Anfang unserer Reise stehen, und indem wir weiterhin die Lernenden in den Mittelpunkt stellen, werden wir langfristig zu einem viel größeren Unternehmen werden.

Die Aktie dürfte angesichts der Unsicherheiten weiterhin starken Schwankungen unterliegen – zum Beispiel auch im Rahmen der nächsten Zahlen am 26. Februar. Für risikobereite Investoren mit langfristigem Anlagehorizont könnte das aktuelle Bewertungsniveau jedoch eine erhebliche Chance darstellen, sofern sie die hohe Volatilität sowohl finanziell als auch psychologisch tragen können.

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