ONEOK: Wie ein Gas-Unternehmen vom KI-Boom profitiert
Die Aktie des Gas-Pipelinebetreibers ONEOK hat sich in den vergangenen Wochen besser entwickelt als vergleichbare Unternehmen. Hinter der Kursentwicklung steht ein tiefgreifender strategischer Umbau, der das Unternehmen langfristig in eine stärkere Ertragsposition bringen soll.
Ein integriertes Geschäftsmodell vom Bohrloch...
ONEOK richtet sein Geschäftsmodell konsequent neu aus und entwickelt sich vom reinen Transportdienstleister zu einem vollständig integrierten Infrastrukturanbieter. Während früher ein Großteil der Wertschöpfung an andere Unternehmen abgegeben wurde, kontrolliert der Konzern heute weite Teile der Lieferkette selbst. Mit den Übernahmen von Medallion und EnLink sicherte sich ONEOK den direkten Zugang zur Förderung und Verarbeitung von Erdgas. Allein durch EnLink kamen erhebliche zusätzliche Kapazitäten in der Gasaufbereitung im Permian-Becken hinzu, wodurch wertvolle Flüssiggasbestandteile direkt am Ursprung separiert werden können.
Das geförderte Produkt wird anschließend durch ein rund 60.000 Meilen langes Leitungsnetz bis zum zentralen Umschlagplatz Mont Belvieu in Texas transportiert. Dort erreicht der Umbau der Medford-Fractionierungsanlage wichtige Etappenziele. Bereits ab dem vierten Quartal soll die erste Ausbaustufe in Betrieb gehen und die Trennungskosten für Flüssigerdgas deutlich senken. Parallel dazu steigen die erwarteten Synergieeffekte aus den Zukäufen auf mehr als 500 Millionen Dollar.
...bis zum Export
Am Ende der Wertschöpfungskette steht der direkte Zugang zu internationalen Märkten. Gemeinsam mit MPLX entsteht in Texas City ein großes Exportterminal für Flüssiggas, das ab 2028 Lieferungen nach Europa und Asien ermöglichen soll. Ergänzt wird dies durch die Eiger-Express-Pipeline, die große Gasmengen vom Permian-Becken zu den LNG-Exportstandorten an der Golfküste transportiert. Damit verfügt ONEOK erstmals über eine durchgehende Infrastruktur vom Bohrloch bis zum Weltmarkt.
Dieser Umbau verändert das Geschäftsprofil grundlegend. Statt allein von Durchleitungsvolumina abhängig zu sein, rückt die Margenabschöpfung entlang der gesamten Kette in den Vordergrund. Gleichzeitig eröffnet die vollständige Kontrolle über die Versorgung neue Möglichkeiten für langfristige Lieferverträge, etwa mit Betreibern gasbetriebener Kraftwerke für Rechenzentren, die auf garantierte physische Versorgung angewiesen sind.
Rechenzentren treiben den Energiebedarf
Der rasante Ausbau von Anwendungen im Bereich künstlicher Intelligenz hat einen enormen Bedarf an stabiler Energieversorgung ausgelöst. Rechenzentren benötigen rund um die Uhr verfügbare Leistung, was wetterabhängige erneuerbare Energien derzeit nur eingeschränkt leisten können. Erdgas gewinnt dadurch als verlässlicher Energieträger an Bedeutung, wovon ONEOK strukturell profitiert.
Besonders vorteilhaft ist die starke Präsenz des Unternehmens im Sun-Belt, wo viele neue Rechenzentren entstehen. Dort verlaufen große Teile des bestehenden Pipeline-Netzes. Für Betreiber zählt zunehmend die Geschwindigkeit, mit der Energie bereitgestellt werden kann. Während ein Anschluss an das öffentliche Stromnetz Jahre dauern kann, lassen sich gasbasierte Eigenkraftwerke deutlich schneller realisieren, sofern ein direkter Pipeline-Anschluss vorhanden ist. Da ONEOK inzwischen auch die Sammelleitungen im Permian kontrolliert, kann Gas direkt an neue Standorte geliefert werden, ohne Umwege über das überlastete Stromnetz.
Zusätzliche Erträge entstehen durch kurze, aber margenstarke Anschlussleitungen, die gezielt einzelne Rechenzentrumsstandorte versorgen. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in Prognosen der US-Energiebehörde wider, die für die kommenden Jahre den stärksten Zuwachs der Stromnachfrage seit der Jahrtausendwende erwartet. Der daraus resultierende Mehrbedarf an Erdgas dürfte erheblich sein, und ONEOK ist als etablierter Infrastrukturanbieter gut positioniert, diesen Bedarf zu bedienen.
Attraktive Bewertung trotz Kursanstieg
Trotz der jüngsten Kursgewinne wird ONEOK im Branchenvergleich weiterhin moderat bewertet. Die Aktie leidet noch unter dem Image eines Unternehmens mit hoher Verschuldung, das durch die Übernahmen zusätzlich belastet wurde. Da die Integration inzwischen weitgehend abgeschlossen ist, verliert dieser Risikofaktor jedoch an Bedeutung. Zurück bleibt ein Unternehmen mit hoher Ertragskraft, das unter dem Bewertungsniveau vieler Wettbewerber gehandelt wird.
Das Verhältnis von Unternehmenswert zu operativem Ergebnis liegt deutlich unter dem der großen Mitbewerber, obwohl ONEOK in den vergangenen Jahren das stärkste Wachstum vorweisen konnte. Auch im historischen Vergleich notiert die Bewertung unter dem langjährigen Durchschnitt, während sich die Zukunftsaussichten verbessert haben.
Gleichzeitig generiert das Unternehmen zunehmend freie Cashflows. Auf dem aktuellen Kursniveau ergibt sich eine attraktive freie Cashflow-Rendite, die durch zusätzliche Synergien weiter steigen dürfte. Hinzu kommt eine überdurchschnittliche Dividendenrendite, die ohne die steuerlichen Besonderheiten klassischer MLP-Strukturen auskommt.
Zusätzlichen Rückenwind liefern erwartete Steuerersparnisse in Milliardenhöhe aus neuen gesetzlichen Regelungen. Durch beschleunigte Abschreibungen kann ONEOK seine Steuerzahlungen über mehrere Jahre deutlich reduzieren, was den freien Cashflow weiter erhöht und einen schnelleren Schuldenabbau ermöglicht. Zwar liegt der Verschuldungsgrad derzeit noch über dem Komfortniveau mancher Investoren, doch das Management strebt eine deutliche Reduzierung bis Ende 2026 an. Eine verbesserte Bonität könnte die Finanzierungskosten senken und die Attraktivität der Aktie weiter steigern.
Herausforderungen bleiben bestehen
Neben der hohen Verschuldung stellt ein mögliches Überangebot an LNG ab 2026 ein Risiko dar. Weltweit gehen zahlreiche neue Projekte gleichzeitig in Betrieb, was den Gaspreis unter Druck setzen könnte. Zwar ist ONEOK weitgehend von Preisschwankungen abgeschirmt, da das Geschäftsmodell auf Transportvolumina basiert, doch geringere Fördermengen der Produzenten würden sich langfristig auch auf die Auslastung der Pipelines auswirken.
Darüber hinaus verschärfen einige Bundesstaaten ihre Umwelt- und Genehmigungsvorschriften. Strengere Methanregeln und längere Genehmigungsverfahren könnten insbesondere den Bau neuer Anschlussleitungen verzögern, die für die Versorgung von Rechenzentren notwendig sind.
Ausblick
ONEOK zählt derzeit zu den wachstumsstärksten Unternehmen im Midstream-Sektor und profitiert besonders von der steigenden Bedeutung von Erdgas im Zuge des Ausbaus digitaler Infrastruktur. Die Kombination aus strategischer Neuausrichtung, steigenden Cashflows und attraktiver Dividende von rund 5,5% verleiht der Aktie ein überzeugendes Chance-Risiko-Profil, auch wenn regulatorische und konjunkturelle Risiken nicht außer Acht gelassen werden sollten.