Rivian-Aktie: Wird der Tesla-Konkurrent bald durchstarten?
Die Aktie von Rivian hat 2025 mit deutlichen Kursgewinnen auf sich aufmerksam gemacht und damit mehrere etablierte Branchenwerte hinter sich gelassen. Zum Jahresstart 2026 gab der Titel jedoch wieder deutlich nach. Entscheidend für die weitere Entwicklung dürfte sein, ob dem Unternehmen der Schritt vom Nischenanbieter für Premium-Elektrofahrzeuge hin zu einem relevanten Volumenhersteller gelingt.
Vom Premiumanbieter zum Massenmarkt
Rivian ist ein US-amerikanischer Hersteller von Elektrofahrzeugen, der sich bislang vor allem auf hochpreisige Modelle für Privatkunden sowie auf Flottenlösungen für Unternehmen konzentriert. Parallel dazu baut das Unternehmen ein schnell wachsendes Software- und Servicegeschäft auf, das auf einer stark vertikal integrierten Architektur rund um die Rivian Autonomy Platform basiert.
Im Jahr 2025 legte die Rivian-Aktie um mehr als 40 Prozent zu und ließ damit sowohl den S&P 500 als auch Tesla hinter sich. Trotz dieser Entwicklung bleibt der Größenunterschied erheblich, da Tesla gemessen an der Marktkapitalisierung rund zwanzigmal größer ist. Für Rivian rückt daher der geplante Produktions- und Auslieferungsstart des neuen R2-Modells im ersten Halbjahr 2026 in den Mittelpunkt, mit dem das Unternehmen den Massenmarkt deutlich stärker adressieren will.
Zusätzlichen Rückenwind lieferten zuletzt der Autonomy & AI Day mit mehreren technologischen Ankündigungen sowie die Zahlen zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025, bei denen sowohl Umsatz als auch Ergebnis je Aktie die Erwartungen der Analysten übertrafen.
Wachstum trotz rückläufiger Auslieferungen
Ein kritischer Punkt bleibt jedoch die Entwicklung von Produktion und Auslieferungen. Im Gesamtjahr 2025 stellte Rivian 42.284 Fahrzeuge her und lieferte 42.247 Einheiten aus. In den beiden Vorjahren lagen die Auslieferungen mit 50.122 Fahrzeugen im Jahr 2023 und 51.579 Fahrzeugen im Jahr 2024 deutlich höher.
Das Management führt diesen Rückgang vor allem auf eine bewusste strategische Entscheidung zurück. Die Produktion der hochpreisigen R1-Plattform wurde reduziert, um die Fertigungslinien für das günstigere R2-Modell umzurüsten. Hinzu kommen Herausforderungen in den Lieferketten, die unter anderem durch veränderte handelspolitische Rahmenbedingungen entstanden sind. Darüber hinaus könnte ein Teil der Kundschaft seine Kaufentscheidung aufschieben, um auf das preislich attraktivere R2-Modell zu warten.
Starkes Quartal dank Software und Partnerschaften
Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025 steigerte Rivian den Umsatz um 78 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 1,55 Milliarden US-Dollar und übertraf damit die Markterwartungen deutlich. Der Automotive-Bereich wuchs um 47 Prozent und trug mehr als 73 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Besonders dynamisch entwickelte sich jedoch das Segment Software & Services, dessen Erlöse um 324 Prozent zulegten und inzwischen rund 27 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen.
Innerhalb eines Jahres hat sich der Umsatzanteil dieses Segments um rund 16 Prozentpunkte erhöht. Ein wesentlicher Treiber war die technologische Partnerschaft mit der Volkswagen Group, die allein im Quartal 214 Millionen US-Dollar zum Umsatz beitrug.
Das R2-Modell als strategischer Prüfstein
Der für das erste Halbjahr 2026 geplante Start des elektrischen SUVs R2 gilt als zentraler Meilenstein. Mit einem anvisierten Einstiegspreis von rund 45.000 US-Dollar zielt Rivian auf ein Segment, in dem das durchschnittliche Neufahrzeug in den USA etwas mehr als 50.000 US-Dollar kostet. Fünfsitzige SUVs und Crossover-Modelle stellen dabei die beliebteste Fahrzeugklasse dar.
Mit dem R2 will Rivian direkt gegen Modelle wie den Tesla Model Y und den Mustang Mach-E von Ford antreten. Zur Vorbereitung hat das Unternehmen in Normal, Illinois, eine neue Karosserie- und Montagehalle mit einer Fläche von rund 1,1 Millionen Quadratfuß errichtet, die eine Jahreskapazität von 155.000 Fahrzeugen ermöglicht. Zusätzlich laufen die Vorbereitungen für ein weiteres Werk in Georgia, das langfristig bis zu 7.500 Arbeitsplätze schaffen und die Kapazität in zwei Ausbaustufen um weitere 400.000 Fahrzeuge erhöhen soll.
Vor diesem Hintergrund äußerte sich der Analyst Ben Kallo von Baird im Dezember optimistisch und bezeichnete 2026 als das Jahr des R2. Positiv hervorgehoben wurde zudem ein Software-Update für die R1-Modelle, das freihändiges Fahren auf mehr als 3,5 Millionen Meilen gut markierter Straßen erlaubt.
Autonomie, eigene Chips und neue Erlösmodelle
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der technologischen Weiterentwicklung. Beim Autonomy & AI Day präsentierte Rivian die Fortschritte der eigenen Autonomieplattform, die auf einer selbst entwickelten Software- und Elektronikarchitektur basiert und kontinuierlich per Over-the-Air-Updates verbessert wird.
Zu den wichtigsten Neuerungen zählt der erste firmeneigene Chip namens RAP1, der in Zusammenarbeit mit Arm entwickelt wurde. Er bildet das Herzstück des Autonomie-Computers der dritten Generation, der bis zu fünf Milliarden Pixel pro Sekunde verarbeiten kann und eine Rechenleistung von 1.600 Billionen Operationen pro Sekunde erreicht. Gleichzeitig soll die Energieeffizienz im Vergleich zur Vorgängergeneration um das 2,5-Fache steigen.
Parallel dazu treibt Rivian die Monetarisierung seiner Software voran. Ab dem kommenden Monat wird das Abonnement Autonomy+ angeboten, das entweder einmalig 2.500 US-Dollar oder monatlich 49,99 US-Dollar kostet. Enthalten sind unter anderem die freihändigen Fahrfunktionen sowie weitere, für 2026 angekündigte Erweiterungen. Damit dürfte der Anteil des margenstärkeren Software- und Servicegeschäfts am Gesamtumsatz weiter steigen.
Finanzielle Bewertung und Ausblick
Trotz des starken Wachstums bleibt Rivian vorerst defizitär. Im dritten Quartal lag die Bruttomarge bei lediglich 1,54 Prozent, während die operative Marge mit minus 63 Prozent tief im negativen Bereich verharrte. Die zunehmende Bedeutung des Softwaregeschäfts könnte mittelfristig jedoch zu einer Verbesserung der Margen führen, auch wenn Analysten in den kommenden Jahren noch keine nachhaltige Profitabilität erwarten.
Mit rund sieben Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln verfügt Rivian zwar über ein solides Finanzpolster, doch die anhaltend negativen freien Cashflows werfen die Frage auf, ob im Zuge des Hochlaufs der R2-Produktion zusätzliches Kapital benötigt wird.
Bewertungstechnisch wird die Aktie aktuell mit dem 3- bis 4-fachen des erwarteten Umsatzes gehandelt und ist damit deutlich günstiger als Tesla, dessen Verhältnis von Kurs zu Umsatz zuletzt bei fast 15 lag. Allerdings verfügt Tesla über eine wesentlich größere Skalierung und deutlich bessere Stückkosten. Die durchschnittlichen Kursziele der Wall Street lassen derzeit nur begrenzten Spielraum nach oben, während das höchste Ziel ein Potenzial von mehr als 50 Prozent signalisiert.
Chancenreiche Elektro-Wette
Kurzfristig bleibt die Aktie volatil und könnte technisch bedingt noch einmal unter Druck geraten. Langfristig hängt die Kursentwicklung maßgeblich davon ab, ob der Marktstart des R2 gelingt und ob Rivian das Wachstum im Software- und Servicebereich weiter beschleunigen kann. Unter diesen Voraussetzungen bleibt das Papier für risikobewusste Anleger eine chancenreiche, aber anspruchsvolle Wette auf die Zukunft der Elektromobilität. Der jüngste Kursrückgang könnte erneut eine gute Einstiegsgelegenheit bedeuten.
Tipp: Sichere Dir mit unserem kostenlosen Report „3 Top-Picks 2026“ jetzt schon die Aktien-Überflieger für 2026!
ℹ️ Rivian in Kürze
- Rivian Automotive (WKN: A3C47) ist ein US-Hersteller von Elektrofahrzeugen.
- Neben dem R1-Modell in einer Pick-up- und einer SUV-Version baut Rivian elektrische Lieferfahrzeuge für Amazon. Mit rund 17% der Anteile ist Amazon auch Großaktionär von Rivian.
- 2026 soll mit dem R2 ein zweites Automodell von Rivian auf den Markt kommen.
- Das 2009 gegründete Unternehmen hat seinen Sitz in Plymouth im US-Bundesstaat Michigan.
- Rivian notiert an der US-Technologiebörse Nasdaq und ist ca. 19,8 Milliarden US$ wert.