Siemens Energy-Aktie: Großer Rücksetzer, große Chance?
Die Gründe für den Ausverkauf
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die jüngste Schwäche kaum auf das Unternehmen selbst zurückzuführen ist. Vielmehr löste der US-Konkurrent GE Vernova mit einem enttäuschenden Quartalsbericht und einem vorsichtigeren Ausblick für das Windkraftgeschäft eine Verkaufswelle im gesamten Energiesektor aus. Gleichzeitig nehmen die Zweifel zu, ob die milliardenschweren Investitionen in KI-Rechenzentren langfristig das bisher erwartete Tempo halten werden, was zu starken Korrekturen im KI-Infrastrukturbereich geführt hat.
Genau hier liegt die Achillesferse der Branche. Siemens Energy gilt als einer der größten Profiteure des weltweiten Ausbaus der Strominfrastruktur. Gasturbinen, Netztechnik und Hochspannungsanlagen sind auf Jahre hinaus stark nachgefragt. Kommt der Markt jedoch zu der Einschätzung, dass sich der Ausbau der KI-Infrastruktur verlangsamt, geraten auch die Zulieferer unter Druck – unabhängig davon, wie gut das operative Geschäft tatsächlich läuft.
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Operativ läuft es nach wie vor rund
Dabei liefert Siemens Energy weiterhin eine Reihe positiver Nachrichten. Mit der geplanten Umbenennung der Windkraftaktivitäten unter der neuen Dachmarke „Omterra“ sollen künftig Lizenzzahlungen an die Siemens AG entfallen, was jährliche Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich ermöglichen dürfte.
Parallel baut der Konzern seine internationale Präsenz weiter aus. Die Hinterlegungsscheine (ADRs) sind inzwischen auch in den USA handelbar und sollen den Zugang für amerikanische Investoren erleichtern. Hinzu kommen neue Großprojekte wie die Offshore-Konverterplattform „North Sea Connector 2“, der Ausbau eines Werks für Hochspannungsschaltanlagen in den USA sowie die Kooperation mit Sonatrach zum Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur in Algerien. All diese Projekte unterstreichen, dass Siemens Energy seine Wachstumsstrategie konsequent vorantreibt.
Analysten sehen weiter erhebliches Potenzial
Trotz der heftigen Korrektur bleibt der Analystenkonsens klar positiv. Die Mehrheit der Experten empfiehlt die Aktie weiterhin zum Kauf. JPMorgan, UBS, Deutsche Bank und Jefferies sehen den jüngsten Rücksetzer überwiegend als marktbedingte Überreaktion und nennen Kursziele zwischen 200 und 235 €. Skeptischer bleibt Barclays, wo vor einem möglichen Zyklushoch bei Gasturbinen und den anhaltenden Problemen der Windkraftsparte gewarnt wird.
Insgesamt liegt das durchschnittliche Analystenkursziel mit knapp 200 € jedoch weiterhin deutlich oberhalb des aktuellen Kursniveaus. Gleichzeitig ist die Bewertung nach dem kräftigen Rücksetzer wieder attraktiver geworden. Das erwartete Forward-KGV liegt inzwischen bei unter 25 und damit spürbar niedriger als noch vor wenigen Monaten.
Auf diesen Termin kommt es nun an
Die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf den 5. August. Dann veröffentlicht Siemens Energy die Zahlen zum dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres. Anleger werden insbesondere darauf achten, ob sich die hohe Nachfrage nach Netztechnik, Gasturbinen und Stromübertragung weiterhin in Auftragseingang und Margen widerspiegelt.
Bis dahin befindet sich das Unternehmen in der sogenannten Quiet Period und wird sich nicht mehr öffentlich zu Geschäftsentwicklung oder Prognosen äußern. Entsprechend dürfte die Kursentwicklung bis zur Vorlage der Zahlen vor allem von der allgemeinen Stimmung im KI- und Infrastruktursektor bestimmt werden.
Charttechnik: Jetzt entscheidet sich der mittelfristige Trend
Charttechnisch hat sich das Bild zuletzt eingetrübt. Mit dem Rückfall unter die 200-Tage-Linie wurde ein wichtiges Verkaufssignal ausgelöst. Nach der seit April laufenden Korrektur rückt nun das März-Tief bei 133,86 € als nächste entscheidende Unterstützungszone in den Fokus. Dort könnte sich eine Bodenbildung entwickeln.
Im größeren Bild bleibt der langfristige Aufwärtstrend allerdings intakt. Die Aktie hat inzwischen die viel beachtete 50-Wochen-Linie erreicht, die ebenfalls als potenzieller Wendepunkt fungieren kann. Erst ein nachhaltiger Bruch dieser Unterstützungen würde das technische Bild deutlich verschlechtern.
ℹ️ Siemens Energy in Kürze
- Siemens Energy (WKN: ENER6Y) ist ein weltweit tätiger Energietechnologiekonzern mit Sitz in München, der Lösungen für Stromerzeugung, Netzinfrastruktur und industrielle Energieanwendungen entwickelt.
- Das Unternehmen entstand 2020 durch die Abspaltung vom Siemens-Konzern und konzentriert sich auf Gas- und Dampfturbinen, Stromnetze sowie Windenergie über die Beteiligung Siemens Gamesa.
- Die Aktie ist im DAX notiert und zählt zu den zentralen Werten im europäischen Energiesektor.
- Die Marktkapitalisierung des Konzerns liegt derzeit bei rund 118 Milliarden €.
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Fazit
Der jüngste Kursrutsch spiegelt derzeit vor allem die Nervosität rund um den KI- und Technologiesektor wider – weniger eine Verschlechterung der operativen Perspektiven von Siemens Energy. Der Konzern profitiert weiterhin von strukturellen Trends wie dem Ausbau der Stromnetze, der Elektrifizierung und dem steigenden Energiebedarf durch Rechenzentren. Gleichzeitig sorgen neue Großprojekte, der Ausbau des Wasserstoffgeschäfts und eine breitere Investorenbasis in den USA für zusätzliche Wachstumsimpulse.
Kurzfristig dürfte die hohe Volatilität zwar anhalten und mit den Quartalszahlen am 5. August steht ein wichtiger Belastungstest bevor. Nach dem kräftigen Rücksetzer, der inzwischen wieder attraktiveren Bewertung und einer langfristig weiterhin intakten Wachstumsstory überwiegen meiner Meinung nach jedoch die Chancen.
Für langfristig orientierte Anleger könnte die aktuelle Schwächephase daher eher eine gute Einstiegschance als der Beginn eines nachhaltigen Trendwechsels sein.
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