Salzgitter-Aktie +11%: Lohnt jetzt noch der Einstieg nach Prognose-Plus?
Die Salzgitter-Aktie hat am Donnerstag einen kräftigen Sprung gemacht. Mit einem Plus von gut +11% zum Handelsschluss stand der Stahlkonzern an der Spitze des MDax, der selbst um 1,23% auf 30.798,65 Punkte zulegte. Auslöser war die zweite Anhebung der Ergebnisprognose in diesem Jahr. Zeigt die neue Prognose eine echte Wende in der Stahlbranche, oder trägt vor allem die Kupferbeteiligung Aurubis den Aufschwung?
Prognose steigt erneut
Für 2026 rechnet der Vorstand jetzt mit einem EBITDA VX zwischen 800 und 875 Millionen €. Bisher lag die Spanne bei 725 bis 825 Millionen €. Beim Vorsteuerergebnis EBT VX plant Salzgitter mit 400 bis 475 Millionen €, nach zuvor 325 bis 425 Millionen €. Beide Kennzahlen sind um Effekte aus der Bewertung einer Umtauschanleihe bereinigt. Das Umsatzziel von rund 10 Milliarden € bleibt unverändert. Die vollständige Konsolidierung der jüngst komplett übernommenen HKM ist in der Prognose bereits enthalten.
Die vorläufigen Neunmonatszahlen begründen den Optimismus. Der Außenumsatz stieg von 6,9 auf 7,3 Milliarden €, während sich das EBITDA von 224 auf 659 Millionen € fast verdreifachte. Vor Steuern drehte das Ergebnis von einem Minus von 72,7 Millionen € auf ein Plus von 353 Millionen €. Im ersten Halbjahr lag das EBITDA VX bei 459 Millionen €, damit entfallen rund 200 Millionen € auf das dritte Quartal. Die vollständigen Zahlen will Salzgitter am 12. November vorlegen.
Aurubis liefert den Großteil
Was die Zahlen über die Stahlbranche aussagen, hängt davon ab, woher der Gewinn kommt. Die Beteiligung an Aurubis trug at-equity 252 Millionen € bei, im Vorjahreszeitraum waren es nur 83,5 Millionen €. Nach Einschätzung von Jefferies-Analyst Cole Hathorn lag das EBITDA 30% über dem Analystenkonsens. Rund 80% dieser Überraschung entfielen auf Aurubis. Den Rest lieferte das Kerngeschäft mit Stahlerzeugung und Stahlhandel, das im dritten Quartal besser lief als zuletzt erwartet.
Damit stammt ein großer Teil des Gewinnsprungs aus dem Kupfergeschäft, auf das Salzgitter operativ keinen Einfluss hat. Das Ergebnis hängt also stärker an Aurubis, als es die Schlagzeile vom Stahlhersteller mit höherer Prognose vermuten lässt. Für das vierte Quartal ergibt sich aus der neuen Spanne ein EBITDA von etwa 141 bis 216 Millionen €. Gemessen am dritten Quartal halte ich das für vorsichtig kalkuliert.
Abstand zum Hoch
Am Donnerstagnachmittag notierte die Aktie um 15.42 Uhr bei 47,88 €, ein Plus von +9,41%. Bis zum 52-Wochen-Hoch von 66,20 € vom 4. Juni fehlt damit noch gut ein Viertel. Nach einer kräftigen Sommerrally hatte der Kurs ab Mitte September nachgegeben. Über zwölf Monate betrachtet ist die Aktie dennoch weit gekommen: Mitte Oktober lag sie rund 57,7% über dem Vorjahresniveau, das 52-Wochen-Tief liegt bei 26,82 €. Im Xetra-Handel testete das Papier am Donnerstag die 21-Tage-Linie und hat die Chance, den im September begonnenen Abwärtstrend nach oben zu verlassen.
Bewertung bleibt niedrig
Auf Basis der Gewinnschätzungen von Anfang Oktober lag das KGV für 2026 bei rund 9,9. Europäische Wettbewerber waren deutlich höher bewertet: thyssenkrupp mit 15,7 und SSAB mit 13,5, der Median der Vergleichsgruppe lag bei 16,7. Der Buchwert je Aktie betrug für 2025 genau 81,82 €. Die Aktie wird also nur mit rund dem 0,6-Fachen ihres Buchwerts gehandelt. Weil die Gewinnprognose inzwischen gestiegen ist, dürfte das KGV trotz des Kurssprungs nicht wesentlich höher liegen.
Die Analysten bleiben zuversichtlich. Die Deutsche Bank bestätigte am 27. Oktober ihr Votum "Buy" mit einem Kursziel von 70 €. Jefferies hält an "Buy" mit 66 € fest, JPMorgan an "Overweight" mit 65 €. Laut JPMorgan bietet das neue Ergebnisziel zusätzlich rund 5% Aufwärtspotenzial für die Konsensschätzung des laufenden Jahres.
Fazit
Eine echte Wende in der Stahlbranche lese ich aus der neuen Prognose noch nicht heraus. Den Ausschlag gibt vor allem Aurubis, im Stahlgeschäft sehe ich bislang eine Stabilisierung. Für Salzgitter selbst ist die zweite Anhebung dennoch ein starkes Signal. Solange die Kupferbeteiligung so viel beiträgt, hat der Konzern einen Puffer. Ein Rückgang dort würde allerdings direkt auf das Konzernergebnis durchschlagen.
Mit Blick auf die niedrige Bewertung und den Abstand zum Junihoch hielte ich einen Einstieg für Anleger für vertretbar, die die Abhängigkeit vom Kupferzyklus mittragen können. Wer gezielt auf eine Erholung des Stahlgeschäfts setzen möchte, würde aus meiner Sicht besser die vollständigen Quartalszahlen abwarten. Erst sie dürften zeigen, ob Stahlerzeugung und Handel dauerhaft Gewinne liefern.
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