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Gileads nächste Milliardenwette rückt näher: Nach HIV jetzt HSV?

Geheime Offensive
Seit Jahren dominiert Gilead Sciences die Virologie vor allem mit seinem milliardenschweren HIV-Geschäft. Doch hinter den Kulissen scheint der US-Pharmariese längst an der nächsten großen Franchise zu arbeiten – und die könnte Herpes simplex (HSV) heißen.

Offiziell spricht Gilead bislang kaum über seine Pläne. Doch wer genauer hinsört, erkennt ein Muster: Während Investoren bisher nur wenige Informationen erhalten, fallen Aussagen von Unternehmensvertretern auf Fachveranstaltungen selbstbewusst aus. Viele Branchenbeobachter rechnen deshalb damit, dass Gilead spätestens bei der Vorlage der Quartalszahlen am 4. August erstmals konkreter über seine HSV-Strategie sprechen wird – und muss.

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Viel Schweigen – und einige bemerkenswerte Signale

Dass Gilead HSV inzwischen deutlich mehr als nur ein weiteres Forschungsprojekt sieht, wurde bereits im Februar auf einem Webinar der Herpes Cure Advocacy deutlich. Dort erklärte Yoshihiko Murato aus Gileads Entwicklungsorganisation, man wolle die beiden von Assembly Biosciences übernommenen Wirkstoffkandidaten ABI-5366 und ABI-1179 möglichst zügig und breitflächig weiterentwickeln. Gleichzeitig stellte er weitere Neuigkeiten in Aussicht.

Für einen Konzern, der seine Pipeline normalerweise äußerst zurückhaltend kommentiert, war das bereits ein bemerkenswert offener Auftritt. Zu offen vielleicht, für den ein oder anderen.

So hießt es von Gilead-CFO Andrew Dickinson auf einer Investorenkonferenz im März lediglich:

Wir lieben es, mit wirklich intelligenten Unternehmen zusammenzuarbeiten, die über differenzierte Produkte oder Technologien verfügen (...) Wir haben beispielsweise kürzlich einige Wirkstoffe von einem Unternehmen namens Assembly einlizenziert. Es handelt sich um ein kleines Unternehmen, das sich auf virale Hepatitis und andere virologische Indikationen konzentriert. Das war eine Art All-in-Partnerschaft, von der wir glauben, dass die Leute diesen Deal mit der Zeit zu schätzen wissen werden.

Auffällig dabei: Der Begriff Herpes oder HSV wurde schlicht vermieden. Wir vermuten: aus einem guten Grund.

Warum HSV plötzlich so spannend ist

Der Markt wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Herpesmedikamente gibt es schließlich seit Jahrzehnten. Genau darin könnte aber die große Chance liegen.

Bis heute werden die meisten Patienten mit Wirkstoffen wie Aciclovir oder Valaciclovir behandelt – Medikamente, die zwar Ausbrüche abschwächen können, den Virus aber nicht nachhaltig kontrollieren.

Die beiden Kandidaten ABI-5366 und ABI-1179 verfolgen einen völlig anderen Ansatz. In frühen Studien konnten sie die Virusausscheidung deutlich stärker unterdrücken als bisherige Therapien. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass Patienten die Medikamente künftig nicht mehr täglich, sondern nur noch einmal pro Woche einnehmen müssten. Für ABI-5366 wird langfristig sogar ein monatliches Dosierungsschema diskutiert.

Die beiden Kandidaten versprechen die erste neue suppressive HSV-Therapie seit Jahrzehnten. Und: Sie haben aufgrund ihrer Wirkprofils noch ein weitaus größeres Potenzial in einem in Zukunft auf 40 Milliarden Dollar geschätzten Gesamtmarkt.

Klar ist: Weltweit leben Milliarden Menschen mit HSV-1 oder HSV-2. Experten gehen davon aus, dass eine Therapie, die nicht nur Ausbrüche verhindert, sondern auch die Virusübertragung deutlich reduziert, den Markt grundlegend verändern könnte. Aus einem klassischen Nischenprodukt könnte ein Präventionsmedikament für Millionen Betroffene werden.

Der August könnte entscheidend werden

Der 4. August dürfte deshalb deutlich mehr sein als ein gewöhnlicher Quartalsbericht.

Im Anschluss an die Zahlen werden Analysten Gilead traditionell im Rahmen einer Live-Fragerunde zu den wichtigsten Pipelineprojekten befragen. Viele erwarten, dass dabei erstmals konkretere Aussagen zur HSV-Strategie fallen – etwa zum Studienaufbau, zum Zeitplan oder zu den geplanten Investitionen.

Nur zehn Tage später folgt bereits der nächste wichtige Termin. Bis spätestens 14. August muss Assembly Biosciences seinen Quartalsbericht bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichen. Da die Entwicklung der HSV-Programme inzwischen eng an Gilead gekoppelt ist, dürfte der Bericht erstmals detailliertere Informationen über den Stand der Kooperation liefern. Assembly selbst hatte auf Anfrage bereits bestätigt, dass bis zu diesem Zeitpunkt ein Update zu erwarten sei.

Der Fokus richtet sich auf die Finanzierungsentscheidung. Assembly kann Gilead entweder die komplette Entwicklung finanzieren lassen und später Meilensteinzahlungen und Lizenzgebühren erhalten – oder sich mit einem 40/60-Modell an Kosten und Gewinnen beteiligen. So oder so gilt die Finanzierung des Programms nach Einschätzung vieler Analysten als langfristig gesichert.

Das Szenario einer Turbo-Entwicklung

Sollte Gilead aufs Tempo drücken, könnte der weitere Fahrplan überraschend ambitioniert aussehen.

Noch Ende 2026 könnten die Programme offiziell in Gileads globale Studienplattform überführt werden. Parallel wäre ein Antrag auf den Fast-Track-Status bei der FDA naheliegend, um den Zulassungsprozess zu beschleunigen.

Ende 2026 und Anfang 2027 könnte dann bereits die weltweite Patientenrekrutierung anlaufen – und zwar nicht nur gegen Placebo, sondern direkt gegen den heutigen Standard Valaciclovir. Ein solcher Vergleich würde zeigen, ob die neuen Wirkstoffe dem bisherigen Goldstandard tatsächlich überlegen sind, worauf die umfangreichen Proof-of-Concept-Daten der Phase 1b klar hindeuten.

Fallen die Zwischenergebnisse überzeugend aus, wäre im Laufe des Jahres sogar ein Antrag auf den begehrten Breakthrough-Therapy-Status denkbar. Dank eines adaptiven Studiendesigns könnte Gilead anschließend ohne längere Unterbrechung direkt in eine große Phase-3-Studie übergehen.

Nach diesem Szenario würden Ende 2028 bereits die Zulassungsunterlagen bei der FDA eingereicht. Mit einer beschleunigten Prüfung wäre eine Markteinführung schon Mitte 2029 möglich.

Mehr als eine neue Pipeline?

Noch ist all das Zukunftsmusik. Offiziell bestätigt hat Gilead diesen Zeitplan nicht. Dennoch verdichten sich die Hinweise, dass der Konzern HSV inzwischen deutlich größer denkt als noch vor einem Jahr.

Sollten sich die frühen Studiendaten bestätigen, könnte aus ABI-5366 und ABI-1179 weit mehr werden als zwei vielversprechende Medikamentenkandidaten. Für Gilead wäre HSV dann nicht einfach ein weiteres Forschungsprogramm – sondern möglicherweise die nächste große Virologie-Franchise neben HIV.

Ob der Konzern diesen Plan tatsächlich schon am 4. August öffentlich macht, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die neue HSV-Pipeline bietet transformierendes Potenzial – sowohl für Patienten als auch aus kommerziellen Perspektiven.

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Fazit

Sollte Gilead langfristig die vollständige wirtschaftliche Kontrolle über seine künftige HSV-Franchise anstreben, könnte eine vergleichsweise frühe Übernahme von Assembly Biosciences strategisch die attraktivste Option sein. Mit fortschreitender klinischer Entwicklung und positiven Studiendaten dürfte der Wert der HSV-Kandidaten sowie auch der restlichen Pipeline erheblich steigen. Gleichzeitig könnte Assembly durch die Ausübung seiner Profit-Share-Option dauerhaft an den US-Gewinnen partizipieren, was Gilead wiederum in die Parade fahren dürfte.

Aus Sicht Gileads erscheint das aktuelle Zeitfenster für eine Akquisition nicht nur mit Blick auf die HSV-Kandidaten besonders günstig. So erwartet Assembly Biosciences über die nächsten zwei Jahre bedeutende Kurskatalysatoren über ABI-5366 und ABI-1179 hinaus. Darunter fallen neue Programmenthüllungen sowie klinische Meilensteine mit Kandidaten wie ABI-6250, das mittlerweile nicht nur gegen Hepatitis Delta, sondern auch weitere Lebererkrankungen entwickelt wird und in jeder Indikation Blockbuster-Potenzial mit sich bringt.

Auch den innovativen Forschungsmotor Assemblys mitsamt seinem hochqualifizierten und örtlich bereits benachbarten Team könnte Gilead hervorragend gebrauchen, um eigene Virologie-Projekte voranzubringen. Nebenbei müsste Gilead zudem schon im Oktober eine erhebliche Zahlung für eine Verlängerung der bestehenden Forschungskooperation an Assembly leisten, der man im Zuge einer Übernahme elegant entgehen könnte.

Interessenkonflikt: Der Autor hält Aktien des besprochenen Unternehmens Assembly Biosciences in signifikantem Umfang. Somit besteht konkret und eindeutig ein Interessenkonflikt. Der Autor beabsichtigt, die Aktien – je nach Marktsituation auch kurzfristig – zu veräußern und könnte dabei von erhöhter Handelsliquidität profitieren.