BioNTech-Aktie: mRNA-Schock – wie groß ist der Schaden?
Mehr als nur eine verfehlte Wirksamkeit
In der Studie BNT122-01 wurde Autogene Cevumeran bei Patientinnen und Patienten mit operiertem Darmkrebs der Stadien II und III untersucht. Obwohl der Tumor entfernt worden war, ließen sich bei ihnen weiterhin Spuren von Tumor-DNA im Blut nachweisen. Die individuell für jeden Erkrankten hergestellte mRNA-Therapie sollte ohne zusätzliche Immuntherapie verhindern, dass der Krebs zurückkehrt.
Bereits im Oktober 2025 wurde die statistisch definierte Aussichtslosigkeitsgrenze überschritten. Damals waren die Daten nach Einschätzung des unabhängigen Kontrollgremiums allerdings noch nicht reif genug, um verlässliche Aussagen über die Wirksamkeit zu treffen. Da keine Sicherheitsbedenken bestanden, setzte BioNTech die Studie zunächst fort.
Bei der neuesten Auswertung stellte das Gremium nun eine numerische Ungleichheit beim Gesamtüberleben fest. Analysten vermuten, dass in der Behandlungsgruppe mehr Menschen starben als in der Kontrollgruppe. Die Größenordnung und ein möglicher ursächlicher Zusammenhang sind bislang jedoch unbekannt. BioNTech betont zudem, dass keine neuen Sicherheitssignale für den Wirkstoff festgestellt wurden.
Trotzdem ist die Kombination aus fehlender Wirksamkeit und ungünstiger Überlebenstendenz ein klares Warnsignal. Die vollständigen Daten müssen nun zeigen, ob das Problem am Wirkstoff, an der Anwendung als Monotherapie oder an der ausgewählten Patientengruppe lag.
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Moderna-Erfolg ließ die Erwartungen steigen
Besonders unglücklich ist das Timing. Nur wenige Tage zuvor hatten Moderna und Merck mit einer personalisierten mRNA-Krebsimpfung in einer Phase-3-Studie bei Melanomen überzeugt. Die BioNTech-Aktie war daraufhin an einem einzigen Tag um rund +20% gestiegen.
Die Ergebnisse lassen sich jedoch nicht unmittelbar vergleichen. Melanome gelten als immunologisch „heiße“ Tumoren, die häufig besser auf Immuntherapien ansprechen. Darmkrebs zählt dagegen zu den „kalten“ Tumorarten mit einem immunsuppressiven Umfeld. Zudem kombinieren Moderna und Merck ihre Impfung mit dem etablierten Immuntherapeutikum Keytruda, während BioNTech Autogene Cevumeran in der nun abgebrochenen Studie allein einsetzte.
Das Scheitern widerlegt daher nicht das gesamte Prinzip personalisierter mRNA-Krebsimpfungen. Es dämpft aber die Erwartungen an deren Einsatz als Monotherapie bei schwer zugänglichen Tumoren. Auch über BioNTechs laufender Studie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs liegt damit ein Schatten. Sie wird zwar wie geplant fortgesetzt, Ergebnisse werden allerdings erst 2031 erwartet.
Die wichtigste Wette heißt längst Pumitamig
Für die Bewertung BioNTechs ist entscheidend, dass die Krebsstrategie mittlerweile deutlich breiter aufgestellt ist. Das Unternehmen betreibt mehr als 25 klinische Phase-2- und Phase-3-Studien und setzt neben mRNA auf bispezifische Antikörper, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate und Kombinationen verschiedener Technologien.
Zum wichtigsten Hoffnungsträger ist Pumitamig aufgestiegen. Bristol Myers Squibb zahlte für die Zusammenarbeit 1,5 Milliarden US$ im Voraus und weitere 2 Milliarden US$ werden bis 2028 unabhängig vom Studienerfolg fällig. Hinzu kommen mögliche Meilensteinzahlungen von bis zu 7,6 Milliarden US$.
Allein bei Lungenkrebs laufen mehr als 16 Studien, darunter fünf Phase-3-Programme. Vom 12. bis 15. September will BioNTech neue Daten zu Pumitamig, Gotistobart und mehreren Kombinationstherapien präsentieren. Später im Jahr werden zudem Zwischenergebnisse der mRNA-Therapie BNT113 bei HPV16-positivem Kopf-Hals-Krebs erwartet.
Finanziell besitzt BioNTech genügend Zeit für diese Entwicklung. Ende Juni verfügte der Konzern über liquide Mittel und Wertpapieranlagen von 16,6 Milliarden €. Allerdings betrug der Quartalsverlust bereits 820,8 Millionen €, während allein 551 Millionen € in Forschung und Entwicklung flossen. Die hohe Liquidität ist deshalb ein Sicherheitsnetz, aber kein Ersatz für erfolgreiche Medikamente.
ℹ️ BioNTech in Kürze
- BioNTech (WKN: A2PSR2) ist ein deutsches Biotech-Unternehmen mit Sitz in Mainz, das auf die Entwicklung und Herstellung patientenspezifischer aktiver Immuntherapien zur Behandlung von Krebs und Infektionskrankheiten fokussiert ist.
- In den letzten Jahren wurde das Unternehmen durch seinen Impfstoff gegen das Coronavirus (Covid-19) weltbekannt und entwickelte sich zu einem Milliardenkonzern.
- An der Börse ist BioNTech derzeit mit rund 25,6 Milliarden US$ bewertet.
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Fazit
Der Kursrückgang ist nachvollziehbar, zumal die ungünstige Tendenz beim Gesamtüberleben über einen gewöhnlichen Studienfehlschlag hinausgeht. Er ist teilweise aber auch die Gegenbewegung auf die vorherige +20%-Rallye nach Modernas Erfolg. BioNTechs gesamte Krebsstory ist nicht gescheitert. Für einen Neueinstieg würde ich dennoch zunächst die Lungenkrebsdaten im September und die genaue Analyse der abgebrochenen Studie abwarten.