Der Ölmarkt reagiert nervös auf die Nachrichtenlage aus Washington. Brent-Öl aus der Nordsee verteuerte sich am Donnerstag auf 105,15 US$ je Barrel und damit um 4,93 US$ gegenüber dem Vortag. In der Spitze standen 105,46 US$ auf der Anzeigetafel, der höchste Stand seit einer Woche. Auslöser war ein Bericht über mögliche neue US-Angriffe auf den Iran. Damit stellt sich die Frage: Beginnt hier eine neue Eskalationsrunde mit entsprechendem Preisschub, oder ist der Sprung bereits die Übertreibung?
Washington prüft Angriffsoptionen
Dem Magazin "The Atlantic" zufolge hat das Weiße Haus das Pentagon aufgefordert, Optionen für Angriffe auf den Iran auszuarbeiten, die noch vor den US-Zwischenwahlen im November umgesetzt werden könnten. Das Magazin beruft sich dabei auf zwei Regierungsvertreter. Über Umfang und Ziele möglicher Schläge sowie über die Frage, ob die Pläne überhaupt zur Ausführung kommen, werde noch beraten.
Entscheidend für die Marktreaktion ist der Widerspruch zur bisherigen Erwartung. Viele Marktteilnehmer waren davon ausgegangen, dass US-Präsident Donald Trump eine weitere Eskalation mit Teheran vor den Wahlen gerade vermeiden würde. Wird diese Annahme in Frage gestellt, muss der Markt das Risiko an der Straße von Hormus neu bepreisen.
Das Angebot bleibt knapp
Der Krieg zwischen den USA und dem Iran hat die Exporte aus dem Nahen Osten eingeschränkt und Energieinfrastruktur beschädigt. Zwar hat der Schiffsverkehr zuletzt wieder zugenommen, parallel dazu stiegen jedoch auch die Angriffe auf Öltanker. Hinzu kommt die Zerstörung zahlreicher russischer Raffinerien im Ukrainekrieg, was das Angebot an Benzin und Diesel zusätzlich verknappt. Saudi-Arabien wiederum hat nach Angriffen auf Flughäfen im eigenen Land Vergeltung geübt und nach Darstellung von Turki al-Maliki, dem Sprecher des von Saudi-Arabien angeführten Militärbündnisses, 82 militärische Ziele der Huthi-Miliz im Jemen zerstört.
Saul Kavonic, leitender Energieanalyst bei MST Marquee, fasste die Lage gegenüber Bloomberg so zusammen: Die Lieferungen aus dem Nahen Osten hätten sich erholt, doch das knappe Angebot an Ölprodukten, extrem hohe Transportkosten und das große Risiko einer iranischen Eskalation hielten die Preise auf hohem Niveau. Diese Einordnung deckt sich mit dem Kursbild, denn der Markt handelt derzeit vor allem die Wahrscheinlichkeit einer Störung.
Ein Hurrikan kommt hinzu
Als zweiter Treiber wirkt das Wetter. Im Golf von Mexiko haben Produzenten wegen eines herannahenden Tropensturms ihre Förderung um mehr als 510.000 Barrel pro Tag gedrosselt, nach Bloomberg-Angaben rund ein Viertel der regionalen Produktion. Der Sturm hat sich inzwischen zu einem Hurrikan verstärkt. Michael Brennan, Direktor des Hurrikan-Zentrums, warnte am Mittwoch Ortszeit vor vielfach gefährlichen, lebensbedrohenden Auswirkungen entlang von Abschnitten der nördlichen Golf-Küste ab Freitag und über das Wochenende.
Folgen für die Märkte
Für die Aktienmärkte ist ein Brent-Preis über 100 US$ ein zweischneidiges Signal. Ölkonzerne und Ölfeld-Dienstleister profitieren von höheren Realisierungspreisen, während energieintensive Industrien und Transportwerte unter steigenden Kosten leiden. Hinzu kommt der Inflationseffekt, der über höhere Kraftstoffpreise auf die Verbraucherpreise durchschlägt und die Spielräume der Notenbanken einengt. Bemerkenswert ist, dass der Preis trotz dieses Nachrichtenbündels lediglich auf dem höchsten Stand seit einer Woche liegt, der Markt also bereits zuvor erhebliche Risikoprämien eingepreist hatte.
Fazit
Aus unserer Sicht beruht der Preissprung auf einem Bericht über Planungen, nicht auf einer vollzogenen Eskalation. Genau das macht die Bewegung fragil: Bleibt der militärische Schlag aus, dürfte die Risikoprämie ähnlich schnell wieder abschmelzen, wie sie entstanden ist. Solange die Straße von Hormus passierbar bleibt und die Lieferungen aus dem Nahen Osten laufen, sehen wir die fundamentale Lage weniger dramatisch, als es 105 US$ je Barrel nahelegen. Für Anleger könnte es sinnvoll sein, dem Preisanstieg nicht über gehebelte Öl-Produkte hinterherzulaufen, sondern die Entwicklung zunächst zu beobachten. Wer bereits in Energiewerten investiert ist, könnte die Positionen halten, sollte aber einkalkulieren, dass sich Geopolitik- und Wetterprämien erfahrungsgemäß rasch zurückbilden. Erst bei einer tatsächlichen Störung der Transportwege wäre eine dauerhafte Verschiebung des Preisniveaus plausibel.
Quelle: dpa-AFX
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