Die Infineon-Aktie erholt sich am heutigen Dienstag mit einem Plus von +2,4% vom Intel-Schock der Vorwoche. Am Freitag hatte das Papier 6,72% verloren und bei 50,78 € geschlossen. Seit Montag stützt eine Studie von Jefferies: Das Analysehaus bleibt bei der Kaufempfehlung und sieht das Kursziel unverändert bei 96 €. Damit stellt sich die Frage: Trägt das Geschäft mit KI-Rechenzentren genug, um diesen Abstand zum Kursziel zu rechtfertigen?
Intel zieht Chipwerte runter
Auslöser des Ausverkaufs war Intel. Der US-Konzern rechnet für das vierte Quartal 2026 mit einem Umsatz von 15 bis 16 Milliarden US$ und liegt damit unter den Erwartungen der Analysten. Als Grund gelten stark gestiegene Speicherpreise, die PCs verteuern und die Nachfrage bremsen. Dazu kamen Sorgen, wie die hohen KI-Investitionen der großen US-Technologiekonzerne finanziert werden sollen. In Europa gerieten deshalb ASML, Aixtron, Süss Microtec und auch Infineon unter Druck.
Mit dem PC-Markt hat Infineon direkt wenig zu tun. Der Konzern ist vor allem bei Chips für Autos, Industrie und Energieversorgung stark. Die Aktie hatte zuvor jedoch innerhalb weniger Tage kräftig zugelegt, weil Anleger auf KI-Rechenzentren setzten. Gerade diese KI-Fantasie stand am Freitag zur Debatte.
Jefferies setzt auf Rechenzentren
Jefferies-Analyst Janardan Menon hält die Investitionen der Betreiber großer Cloud- und Rechenzentren für den wichtigsten Faktor der Halbleiterbranche. Die jüngsten Aussagen von KLA, SK Hynix und ASM zu diesem Thema wertet er positiv. Auch die höheren Wachstumserwartungen von Monolithic Power sieht er als gutes Signal für Infineon. Bereits im September hatte Menon Infineon zu seinen Favoriten gezählt, weil er bei den Gewinnen für das Geschäftsjahr 2027 besonders zuversichtlich ist. In derselben Studie erwartete er allerdings für das vierte Quartal einen Höhepunkt im Branchenzyklus. Die Bewertungen dürften deshalb unter Druck bleiben, schrieb er damals.
Infineon selbst rechnet mit rund 1,5 Milliarden € Umsatz mit Stromversorgung für KI-Rechenzentren im Jahr 2026 und mit rund 2,5 Milliarden € im Jahr 2027. Das wäre ein Anstieg um etwa zwei Drittel. Ich halte dieses Segment für den wichtigsten Wachstumshebel des Konzerns, weil es höhere Margen verspricht als das schwankende Auto- und Industriegeschäft.
Galliumnitrid als Hebel
Ende Oktober stellte Infineon ein Referenzdesign für die Hochvolt-Stromverteilung in KI-Rechenzentren vor. Die vollständig auf Galliumnitrid (GaN) basierenden Module erreichen nach Unternehmensangaben einen Spitzenwirkungsgrad von bis zu 98,5%. Hinzu kommt ein Referenzdesign für ein 5,6-Kilowatt-Netzteil für KI-Server. Enphase will 900-Volt-GaN-Schalter von Infineon in Stromversorgungsmodulen für Rechenzentren einsetzen.
Für die Fertigung investiert Infineon bis 2034 rund 1,1 Milliarden € in Villach. Dort soll Ende 2027 die nach Unternehmensangaben weltweit erste Hochvolumenfertigung für GaN-Leistungshalbleiter auf 300-Millimeter-Wafern starten. Aus dem Europäischen Chips Act sind 319 Millionen € Förderung vorgesehen. Am heutigen Dienstag kam zudem eine Kooperation mit Qualcomm dazu: Infineon liefert Mikrocontroller und weitere Bausteine für Fahrzeugcomputer auf Basis der Plattform Snapdragon Ride. Kurzfristig dürften diese Projekte kaum Umsatz bringen. Aus meiner Sicht sichern sie aber die Position des Konzerns in zwei wichtigen Wachstumsmärkten.
Bewertung bleibt sportlich
Für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr 2026 erwarten Analysten einen Gewinn von rund 1,76 € je Aktie. Beim Freitagsschluss ergibt sich daraus ein KGV von etwa 29. Für das Geschäftsjahr 2026/27 rechnen 25 Analysten im Mittel mit 2,84 € je Aktie. Das KGV sinkt damit auf knapp 18, für 2027/28 bei erwarteten 3,81 € auf rund 13. Günstig wird die Aktie erst, wenn der erwartete Gewinnsprung tatsächlich kommt. Bis zum Kursziel von Jefferies fehlen vom Freitagsschluss aus rund 89%.
Fazit
Ich sehe die KI-Rechenzentren als tragfähigen Kern des Investment-Case. Das Intel-Problem betrifft vor allem PCs und trifft Infineon nur über die Stimmung in der Branche. Das Kursziel von Jefferies setzt allerdings voraus, dass die hohen Gewinnerwartungen für 2027 voll aufgehen, und die Zykluswarnung von Menon selbst zeigt, wie wenig Puffer dafür bleibt. Entscheidend wird nun sein, ob Infineon am 10. November mit den Zahlen zum Geschäftsjahr 2026 die Ziele im Rechenzentrumsgeschäft bestätigt und einen soliden Ausblick liefert.
Für bestehende Anleger könnte es sinnvoll sein, die Aktie zu halten. Ein Neueinstieg könnte für mich erst nach den Zahlen interessant werden, wenn der Ausblick die Erwartungen für 2027 stützt. Bis dahin muss man mit weiteren starken Kursschwankungen rechnen, weil schon eine schwache Prognose aus der Branche die Aktie belasten kann.
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