Der Dax hat eine starke Woche hinter sich und die jüngste Korrektur verliert nach Einschätzung mehrerer Beobachter an Tempo. Der deutsche Leitindex schob sich zuletzt über die 21- und die 100-Tage-Durchschnittslinie, doch mit der 50-Tage-Linie wartet laut der Schweizer Großbank UBS bereits die nächste Hürde, an der der Index zuvor mehrfach gescheitert war. Gleichzeitig bleiben hohe Energiepreise, Inflationssorgen und Zweifel an den KI-Investitionen im Raum. Trägt die Erholung bis in eine Jahresendrallye?
Die Stimmung hellt sich auf
Marktanalyst Timo Emden vom Handelshaus Captrader sieht das Glas am deutschen Aktienmarkt wieder halb voll statt halb leer. Nach seiner Einschätzung haben Anleger das jüngste KI- und Zinsgewitter aus den USA mit einem blauen Auge überstanden, ob daraus allerdings ein tragfähiges Grundgerüst für eine Jahresendrallye entsteht, bleibt für ihn fraglich. Die Gemengelage bezeichnet er weiterhin als undurchsichtig.
Jürgen Molnar vom Broker RoboMarkets stellt die Börsenampel immerhin wieder auf Gelb, nach den turbulenten Tagen habe sich die Stimmung etwas aufgehellt. Die Experten des Börsen- und Analyseportals Index Radar argumentieren, dass schlechte Nachrichten allmählich ihren Schrecken verlieren und die Korrektur deshalb an Dynamik einbüßen könnte. Zurückhaltender äußert sich Andreas Lipkow vom Handelshaus CMC Markets, der von einer grundlegenden Entspannung nicht sprechen mag. Er stuft die hohen Energiepreise angesichts der militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten und gestörter Lieferketten als erheblichen Belastungsfaktor ein.
Die Energiepreise treiben die Inflation
Wie schnell ein Energiepreisschock auf die Teuerung durchschlägt, zeigten nach Lipkows Lesart die überraschend stark gestiegenen Verbraucher- und Erzeugerpreise aus den USA. Für Anleger ist das mehr als eine Randnotiz, weil höhere Inflationsraten den Spielraum der Notenbanken einengen und über steigende Anleiherenditen die Bewertungen am Aktienmarkt belasten. Am Dienstag liefern die deutschen Erzeugerpreise für September einen neuen Datenpunkt, am Freitag folgen die von S&P Global ermittelten Einkaufsmanagerindizes für Oktober für Deutschland, die Eurozone und die USA.
Auf der Zinsseite verlagert sich der Fokus nach Ansicht von Mark Dowding von RBC BlueBay Asset Management mangels Terminen wieder auf die Notenbanken. Er bezweifelt, dass eine der großen Zentralbanken auf ihrer nächsten Sitzung die Zinsen anhebt. Aussagen von US-Notenbankchef Kevin Warsh hatten die aus Marktsicht eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung noch im Oktober zuletzt deutlich sinken lassen. Zusätzlich rücken am Dienstag die ZEW-Konjunkturerwartungen in den Blick, bei denen Simon Azarbayjani von der Landesbank Hessen-Thüringen mit einem leichten Rückgang rechnet, ohne dass das Signal für einen konjunkturellen Aufschwung kippt.
Der Tech-Sektor als Unsicherheitsfaktor
Kyle Rodda von Capital.com nennt neben geopolitischen Spannungen, Inflationssorgen, hohen Anleiherenditen und den bevorstehenden US-Zwischenwahlen auch den Wettbewerb im Chipsektor als Risiko. Offen ist für ihn, ob die nächsten Quartalszahlen aus dem US-Technologiesektor Orientierung geben oder die Schwankungen verstärken. In dieser Woche berichten unter anderem Netflix, Tesla, IBM, Texas Instruments und Intel.
Uwe Streich von der Landesbank Baden-Württemberg verweist darauf, dass Aussagen von KI-Profiteuren aus Asien und Europa zwar gute Zahlen der US-KI-Giganten vermuten lassen, in Summe für das dritte Quartal aber ein US-Quartalsgewinn unterhalb des zweiten Jahresviertels erwartet wird. Wegen der hohen Gewichtung der Technologiewerte in den wichtigen Indizes mahnt er zur Vorsicht. Die hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz würden zuletzt wieder stärker hinterfragt.
Genau hier liegt derzeit die relative Stärke des Dax. Salah-Eddine Bouhmidi vom Handelshaus IG sieht in dem oft als deutsches Industriemuseum belächelten Börsenbarometer aktuell einen Vorteil, weil die geringere Technologieabhängigkeit Schutz bietet, während KI-Aktien unter Druck stehen. Im Dax selbst legen am Dienstagabend die Deutsche Börse und am Mittwoch der Softwarekonzern SAP ihre Quartalsbilanzen vor, dazu kommen Zahlen einiger Nebenwerte aus MDax und SDax.
Fazit
Für uns bleibt die Erholung im Dax eine technische Gegenbewegung, solange die 50-Tage-Linie nicht nachhaltig überwunden ist. Entscheidend dürfte sein, ob die US-Technologiezahlen die hohen KI-Investitionen rechtfertigen und die anstehenden Preisdaten den Inflationsdruck relativieren. Gelingt beides, hätte eine Jahresendrallye eine Grundlage. Enttäuschen die Tech-Bilanzen, dürfte die geringere Technologielastigkeit des Dax erneut als Puffer gefragt sein. Aus unserer Sicht spräche das für Zurückhaltung bei neuen Engagements in hoch bewerteten Technologiewerten, während klassische Industrie- und Konsumwerte mit stabilem Geschäft die interessantere Seite dieses Marktes bleiben. Risiken bleiben die Energiepreise und die geopolitische Lage, die diesen Puffer jederzeit aufzehren können. Wer investieren will, könnte Zukäufe gestaffelt angehen und den Verlauf der Berichtssaison abwarten, statt auf einen schnellen Ausbruch zu setzen.
Quelle: dpa-AFX
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