Der Ausverkauf bei Halbleiteraktien hat am heutigen Donnerstag Asien erfasst: In Seoul verloren die Papiere von SK Hynix fast 12%, jene von Samsung fast 11%. Ausgelöst hatten die Bewegung überraschend hohe US-Inflationsdaten vom Vortag, die die Furcht vor höheren Zinsen neu entfacht haben. Damit stellt sich die Frage: Handelt es sich um eine Korrektur in einem intakten KI-Zyklus oder um den Beginn einer grundlegenden Neubewertung des Sektors?
Die Zinsangst trifft Technologie
Höhere Zinsen belasten Technologiewerte gleich mehrfach. Besonders betroffen sind stark finanzierungsabhängige Unternehmen, da sich der schuldenfinanzierte Ausbau von Infrastruktur verteuert. Hinzu kommt die Abkühlung der wirtschaftlichen Aktivität durch eine straffere Geldpolitik, die konjunktursensible Tech-Konzerne überdurchschnittlich trifft. Die Verkaufswelle begann am Vortag an der Nasdaq und setzte sich am Donnerstag in Asien fort, wo neben dem schwankungsanfälligen koreanischen Kospi auch der japanische Nikkei kräftig nachgab.
CoreWeave als Warnsignal
Den deutlichsten Hinweis auf die Finanzierungsrisiken lieferte CoreWeave. Die Aktie des Anbieters von KI-Cloud-Computing-Diensten stürzte am Vortag um 15,5% ab, nachdem die Anleihen des Unternehmens auf ein Niveau abgesackt waren, das üblicherweise auf finanzielle Schwierigkeiten hindeutet. Genau hier liegt der wunde Punkt des aktuellen KI-Booms: Ein erheblicher Teil des Rechenzentrumsausbaus läuft über Fremdkapital, und steigende Zinsen verschärfen dieses Risiko zusätzlich.
Analyst Gil Luria von D.A. Davidson äußerte sich skeptisch zu diesem Modell. Kredite zu sehr hohen Zinssätzen für Rechenzentren, die außerhalb der Hyperscaler zunehmend zur Massenware würden, könnten sich seiner Einschätzung nach als schlechte Investition erweisen. Je mehr Fremdkapital in den Bau fließe, desto mehr Risiko gelange in das System. Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners spricht von der zweiten Welle der KI-Sorgen am Aktienmarkt. Klassische Gewinnmitnahmen sieht er darin nicht, vielmehr echte Sorgen vor einer massiven Korrektur.
Europa zieht mit nach unten
Auch europäische Profiteure des Rechenzentrumsbooms geraten unter Druck. Siemens Energy als Lieferant von Energietechnik hatte am Vortag bereits mehr als 5% verloren und das Dax-Ende belegt. Vorbörslich auf Tradegate gaben die Titel im Vergleich zum Xetra-Schluss weitere 2,1% nach. Die Halbleiterwerte Infineon, Suss Microtec und Aixtron sanken vorbörslich ebenfalls deutlich.
TSMC liefert Gegenargumente
Operativ bestätigt sich die Panik bislang nicht. TSMC meldete für das September-Quartal einen besser als erwartet ausgefallenen Gewinn und setzte das rasante Wachstum fort. Der taiwanische Konzern bestätigte zudem sein Investitionsziel für 2026 von bis zu 64 Milliarden US$. Für die gesamte Zulieferkette ist dieser Punkt zentral, denn die Investitionsbudgets der größten Auftragsfertiger bestimmen die Auftragslage von Ausrüstern und Energietechnikanbietern.
Fazit
Für uns bleibt der Widerspruch zwischen Fundamentaldaten und Kursreaktion entscheidend: Während TSMC Wachstum und ein bestätigtes Milliardenbudget liefert, preist der Markt bereits ein Szenario ein, in dem teures Fremdkapital einen Teil des Rechenzentrumsausbaus unrentabel macht. Diese Sorge halten wir für nachvollziehbar, denn der Fall CoreWeave zeigt, wie schnell der Anleihemarkt die Finanzierungsfrage neu bewertet. Zugleich unterscheidet sich die Lage von Unternehmen mit solider Bilanz und eigenfinanzierten Investitionen deutlich von hoch verschuldeten Betreibern.
Entscheidend wird nun sein, ob die Zinserwartungen nach den US-Inflationsdaten weiter nach oben wandern. Solange das der Fall ist, könnte der Druck auf die gesamte Halbleiter- und Energietechnikkette anhalten, unabhängig von den operativen Zahlen. Für bestehende Anleger mit qualitativ starken Werten könnte es sinnvoll sein, die Positionen zu halten und die hohe Schwankungsbreite auszusitzen. Ein Nachkauf könnte erst interessant werden, wenn sich die Zinsseite beruhigt und die Anleihekurse der KI-Infrastrukturfinanzierer wieder Normalität signalisieren. Bei stark fremdfinanzierten Anbietern könnte es dagegen ratsam sein, die Entwicklung vorerst von der Seitenlinie aus zu beobachten.
Quelle: dpa-AFX
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