Deutsche Wirtschaft: Sorgt das Plus von 1,3% jetzt für steigende Kurse?
Die Bundesregierung hebt ihre Konjunkturprognose deutlich an: Statt der im April erwarteten 0,5% soll die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 1,3% wachsen. Das ist mehr als eine Verdopplung der bisherigen Erwartung, und das trotz Iran-Krieg und gestiegener Energiepreise. Damit stellt sich die Frage: Trägt dieser Aufschwung weit genug, um bei deutschen Aktien die Risikobereitschaft zu erhöhen?
Exporte und Staatsgeld treiben
Als Treiber nennt das Wirtschaftsministerium vor allem den Außenhandel, staatliche Investitionen und höhere Verteidigungsausgaben. Die Wirtschaft habe sich widerstandsfähiger gezeigt als angenommen, heißt es zur Begründung. Der Export profitierte zeitweise sogar von weltweiten Engpässen, weil Käufer ihre Lagerbestände mit energieintensiven Gütern aus deutscher Produktion aufstockten.
Für 2027 rechnet die Bundesregierung mit einem Plus von 1,1% nach bislang 0,9%. Für 2028 fällt die Projektion mit 0,6% deutlich zurück. Diese Abstufung ist aus unserer Sicht das eigentlich Interessante an der Herbstprojektion: Die Regierung selbst unterstellt, dass die aktuellen Impulse nach zwei Jahren weitgehend auslaufen. Ende September hatten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognose bereits auf ebenfalls 1,3% angehoben, zugleich aber auf das schmale Fundament des Aufschwungs hingewiesen.
Die Augustzahlen widersprechen
Ausgerechnet beim Exportargument zeigt sich schon eine Gegenbewegung. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes sank der Wert der Ausfuhren im August kalender- und saisonbereinigt um 0,8% auf 137,6 Milliarden €. DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier spricht von fehlender Eigendynamik und nennt die Exportbelebung rückblickend "nur ein laues Lüftchen". DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov geht weiter: Der Aufschwung sei teuer erkauft, weil er auf steigenden Ausfuhren in den EU-Binnenmarkt und auf schuldenfinanzierten Staatsausgaben beruhe, und habe ohne Reformen "nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum".
Auch BGA-Präsident Dirk Jandura hält die Erholung nicht für gefestigt. Die Unternehmen sähen zwar Licht am Ende des Tunnels, führen aber weiter mit angezogener Handbremse. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche räumte am Tag vor der Veröffentlichung der Herbstprojektion im Bundestag ein, das Wachstum stehe auf wackligen Beinen, die Lage bleibe fragil. Die CDU-Politikerin fordert flexiblere Arbeitszeiten, stabile Sozialabgaben, weniger Bürokratie und wettbewerbsfähige Energiepreise.
Wer von Staatsgeld profitiert
Für Anleger lässt sich das Bild recht klar sortieren. Die genannten Treiber sind staatliche Investitionen und Verteidigungsausgaben, also profitieren in erster Linie Rüstungswerte, Bau- und Infrastrukturunternehmen sowie deren Zulieferer. Diese Nachfrage ist politisch gesetzt und damit vergleichsweise planbar, solange die Haushaltslinie hält.
Anders sieht es bei klassischen Exportwerten und der energieintensiven Industrie aus. Hier war der jüngste Schub zu einem erheblichen Teil Lagerauffüllung und EU-Binnenhandel, also ein Nachholeffekt statt struktureller Nachfrage. Fällt dieser weg, wie der Augustrückgang um 0,8% nahelegt, verliert der Ertragspfad dieser Unternehmen schnell an Tempo. Binnenorientierte Konsumtitel hängen wiederum an Arbeitsmarkt und Rentenreform, die in der Koalition umstritten sind.
Fazit
Eine angehobene Prognose auf 1,3% ist ein positives Signal, doch die Qualität dieses Wachstums überzeugt uns nur teilweise. Staatlich finanzierte Nachfrage und Lagereffekte sind kein Ersatz für strukturelle Wettbewerbsfähigkeit, und die Regierung selbst traut dem Trend für 2028 nur noch 0,6% zu. Wir sehen deshalb keinen Anlass, deutsche Zykliker und Exportwerte breit höher zu gewichten. Interessanter erscheinen uns Unternehmen mit direktem Bezug zu Verteidigungs- und Infrastrukturbudgets, weil dort die Auftragslage nachvollziehbar unterlegt ist. Bei breit aufgestellten Industrie- und Exportwerten könnte es sinnvoll sein, bestehende Positionen zu halten und zunächst abzuwarten, ob sich die Ausfuhren in den kommenden Monaten stabilisieren. Hinzu kommt das Risiko der geopolitischen Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine, von deren Verlauf die weitere Entwicklung laut Bundesregierung wesentlich abhängt. Erst wenn die Koalition bei Arbeitsmarkt, Sozialabgaben und Energiekosten liefert, würde sich aus unserer Sicht ein tragfähigerer Einstiegsgrund ergeben.
Quelle: dpa-AFX
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