Netflix-Aktie: 5% Budget, nur 1% Sehdauer – geht die Rechnung auf?
Rund 1 Milliarde US$ für Live-Inhalte
Rechnerisch investiert Netflix derzeit ungefähr 1 Milliarde US$ jährlich in Sportveranstaltungen, Shows und andere Live-Formate. Dem vergleichsweise geringen Anteil an der gesamten Sehdauer stehen hohe Kosten für Übertragungsrechte, Technik und Produktion gegenüber.
Auf den ersten Blick wirkt das ineffizient: Der Anteil am Content-Budget ist fünfmal so hoch wie der Anteil an der Nutzung. Ganz so einfach ist die Rechnung allerdings nicht. Live-Veranstaltungen können neue Abonnenten anlocken, die Kündigungsquote senken und besonders wertvolles Werbeinventar schaffen.
Netflix baut das Angebot deshalb gezielt aus. Neben Sportübertragungen sollen Video-Podcasts, Shows und bekannte YouTube-Produzenten für mehr regelmäßig wiederkehrende Nutzung sorgen. Spielfilme und Serien bleiben dennoch das Kerngeschäft. Sarandos will vermeiden, dass Netflix zu einem klassischen Fernsehsender mit einem teuren Rund-um-die-Uhr-Programm wird.
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Eine erfolgreiche Staffel reicht nicht
Das größere Problem liegt bei den traditionellen Eigenproduktionen. Netflix kann mit neuen Serien zwar kurzfristig enorme Aufmerksamkeit erzeugen, doch das Interesse lässt nach der ersten Staffel häufig deutlich nach. Nur wenige Produktionen entwickeln sich zu langlebigen Marken wie „Stranger Things“.
Das erklärt den ungewöhnlichen Gegensatz zwischen Geschäftszahlen und Nutzung: Die Erlöse stiegen zuletzt um 13,4%, die Sehdauer aber nur um 2%. Preiserhöhungen, das Werbeabo und die Einschränkung des Account-Sharings treiben den Umsatz momentan wesentlich stärker als das tatsächliche Engagement.
Kurzfristig ist diese bessere Monetarisierung ausgesprochen profitabel. Auf Dauer kann Netflix Preise und Werbevolumen jedoch nicht immer weiter erhöhen, wenn die Nutzungsintensität kaum wächst. Sarandos’ Kritik trifft deshalb den Kern: Der Konzern benötigt mehr Inhalte, die nicht nur einmalig angesehen werden, sondern die Kunden dauerhaft an die Plattform binden.
YouTube erhöht den Druck
Der gefährlichste Konkurrent ist dabei nicht Disney oder HBO, sondern YouTube. Die Plattform erhält permanent neue Inhalte, ohne dafür selbst Milliarden in Filmproduktionen investieren zu müssen. Netflix will trotzdem nicht in das Geschäft mit frei hochgeladenen Nutzervideos einsteigen.
Stattdessen sollen ausgewählte YouTube-Produzenten und Podcasts professionell in das eigene Angebot integriert werden. Diese Strategie könnte die Programmkosten senken und jüngere Zuschauer erreichen, ohne das Premium-Image vollständig aufzugeben.
Gleichzeitig zeigt sich eine regionale Verschiebung. Nach Berechnungen der Deutschen Bank sank die Netflix-Sehdauer in den USA zuletzt um 8,6%, während sie außerhalb des Heimatmarktes um 5,4% zunahm. Mehr als 60% der seit 2024 produzierten Inhalte stammen inzwischen aus internationalen Märkten. Die nächste Wachstumswelle dürfte deshalb weniger aus Hollywood als aus Asien, Europa und Lateinamerika kommen.
Der Verzicht auf Warner war richtig
Positiv ist, dass Netflix seine schwächere Nutzungsentwicklung nicht mit einer überteuerten Großübernahme kaschiert. Der Konzern hatte rund 83 Milliarden US$ für Warner-Studios und HBO Max geboten, stieg jedoch aus, als der Preis aus Sicht des Managements keinen ausreichenden Mehrwert mehr versprach.
Damit vermeidet Netflix neue Schulden und hohe Integrationsrisiken. Das frei bleibende Kapital kann stattdessen in eigene Inhalte, Werbung, Technik und Aktienrückkäufe fließen. Angesichts der Milliarden, die Paramount für Warner aufbringen will, erscheint diese Disziplin vernünftig.
ℹ️ Netflix in Kürze
- Mit über 300 Millionen Kunden ist Netflix (WKN: 552484) der weltgrößte Streaming-Anbieter für Filme und Serien.
- Das 1997 gegründete Unternehmen hat seinen Sitz im kalifornischen Los Gatos.
- Netflix ist Mitglied in den US-Leitindizes Nasdaq 100 und S&P 500 und hat einen Börsenwert von ca. 282 Milliarden US$.
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Fazit
Sarandos’ offene Kritik ist kein Alarmsignal, sondern eine realistische Bestandsaufnahme. Netflix monetarisiert seine Nutzer hervorragend, muss nun aber die Sehdauer wieder stärker erhöhen. Live-Inhalte sind teuer, können sich durch Werbung und geringere Kündigungen dennoch rechnen. Nach dem deutlichen Kursrückgang überwiegen für mich langfristig die Chancen. Entscheidend ist jetzt, dass das Engagement wieder mit dem Umsatz wächst.