Nach dem Ausverkauf vom Freitag hat sich die Siemens-Energy-Aktie am heutigen Montag etwas gefangen. Im frühen Xetra-Handel stieg sie um 1,0% auf 128,24 €, in der Spitze ging es bis auf 129,40 €. Zum Wochenschluss hatte der Energietechnikkonzern noch mehr als 6% auf rund 126 € verloren und bildete damit das Ende des DAX-Tableaus. Belastet hatte der schwache Ausblick des Chipkonzerns Intel. Damit stellt sich die Frage: Wie stark hängt Siemens Energy inzwischen an der Stimmung rund um die KI-Ausgaben, und was müssen die Zahlen am Mittwoch kommender Woche liefern?
Intel trifft die Energietechnik
Eine eigene Meldung des Unternehmens gab es am Freitag nicht. Der schwache Ausblick von Intel weckte neue Zweifel daran, ob sich die hohen Investitionen in KI-Rechenzentren rechnen. Unter Druck gerieten deshalb Chipwerte und Ausrüster des KI-Booms gleichermaßen. Siemens Energy liefert Gasturbinen und Netztechnik für diese Infrastruktur und gilt an der Börse deshalb als Profiteur des Rechenzentrumsausbaus. Schon im Oktober hatten steigende Zinsen und dieselben Zweifel an der Rentabilität auf den Kurs gedrückt.
Aus meiner Sicht reagiert die Aktie damit vor allem auf die Stimmung. Rechenzentren treiben die Fantasie, die Nachfrage nach Kraftwerks- und Netztechnik speist sich aber aus dem insgesamt steigenden Strombedarf. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 wuchs der Umsatz auf vergleichbarer Basis um 18,5% auf 11,4 Milliarden €. Das Ergebnis vor Sondereffekten stieg von 497 Millionen auf 1,62 Milliarden €. Der Auftragsbestand liegt bei 162 Milliarden €, und die Windkraftsparte schrieb erstmals seit Jahren wieder einen Quartalsgewinn.
Bank of America bleibt optimistisch
Die Bank of America hält an ihrer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 250 € fest. Die Analysten halten den Kursrückgang für überzogen, weil die Bewertung zu pessimistische Annahmen zur Nachfrage enthalte. Rückenwind sehen sie in den starken Zahlen der Wettbewerber GE Vernova und Hitachi. Für neue Aufträge im Jahr 2026 rechnen sie mit Preisen pro Gigawatt, die rund 50% höher liegen. Am 11. November legt Siemens Energy neben den Jahres- und Quartalszahlen auch Ziele bis 2030 vor. Die Bank of America erwartet dafür eine Margenspanne von 21% bis 23%, einen freien Cashflow von 9 bis 10 Milliarden € im Geschäftsjahr 2027 und Aktienrückkäufe von 4 Milliarden € pro Jahr.
Barclays sieht das vorsichtiger und warnt, dass die Zulieferer Preise und Margen nicht unbegrenzt weiter steigern können. Diesen Einwand halte ich für den gewichtigeren. Selbst wenn der Ausbau der Rechenzentren weiterläuft, stützt ein Großteil der Kursfantasie sich auf weiter steigende Preise.
Bewertung lässt wenig Puffer
Gemessen an den Gewinnschätzungen für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr 2026 liegt das KGV bei rund 27. Für das Geschäftsjahr 2027 erwarten Analysten im Mittel einen Gewinn je Aktie von 6,30 €. Beim aktuellen Kurs ergibt sich daraus ein Forward-KGV von rund 20. Das ist für einen Konzern mit diesem Gewinnwachstum eher fair als günstig. Allerdings setzt diese Bewertung voraus, dass der Gewinnsprung tatsächlich eintritt. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 192,55 € und damit nahe am Rekordhoch von 191,66 € vom 24. April 2026.
Charttechnisch hat sich das Bild eingetrübt. Die Aktie notiert rund 14,5% unter ihrer 100-Tage-Linie und etwa 18% unter der 200-Tage-Linie. Mit dem jüngsten Rückgang hat sie zudem die Nackenlinie einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation unterschritten. Dieses Muster gilt als mögliches Verkaufssignal.
Fazit
Ich sehe Siemens Energy operativ in sehr guter Verfassung. Der Kurssturz vom Freitag zeigt aber, wie eng die Aktie derzeit an der Stimmung rund um die KI-Investitionen hängt. Entscheidend wird nun sein, ob der Konzern am 11. November Margenziele für 2030 vorlegt, die die Erwartungen der Bank of America erreichen. Außerdem muss das Management belegen, dass die höheren Preise im Auftragseingang tatsächlich ankommen. Gelingt das, könnte die Aktie wieder in Richtung des durchschnittlichen Kursziels laufen. Bleiben die Ziele vorsichtig, wäre das angesichts der ambitionierten Bewertung ein klarer Belastungsfaktor.
Für bestehende Anleger könnte es sinnvoll sein, die Aktie bis zu den Zahlen zu halten, denn die Auftragslage spricht für das Geschäftsmodell. Ein Neueinstieg könnte für mich erst interessant werden, wenn die Mittelfristziele überzeugen und der charttechnische Abwärtstrend gebrochen ist. Bis dahin könnten Anleger die Entwicklung von der Seitenlinie aus beobachten.
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