Anthropic-IPO teurer als SpaceX: Börsen-Coup im November?
Milliardenumsätze treffen auf Milliardenkosten
Die nun von Reuters eingesehenen Unterlagen zeichnen das Bild eines Unternehmens mit außergewöhnlichem Wachstum, aber ebenso außergewöhnlichem Kapitalbedarf. Anthropic steigerte seinen Umsatz 2025 auf knapp 4,6 Milliarden US-Dollar und damit innerhalb eines Jahres etwa auf das Zwölffache. Gleichzeitig fiel ein operativer Verlust von mehr als acht Milliarden Dollar an. Allein 7,33 Milliarden Dollar flossen in Rechenleistung und Infrastruktur.
Der ausgewiesene Nettoverlust von rund 42 Milliarden Dollar wirkt auf den ersten Blick noch dramatischer. Ein wesentlicher Teil davon, rund 34 Milliarden Dollar, geht laut den Unterlagen allerdings auf einen bilanziellen Bewertungseffekt bei Finanzierungsinstrumenten zurück, deren Wert angesichts der stark gestiegenen Unternehmensbewertung zunahm. Es handelt sich damit nicht um einen entsprechenden Mittelabfluss aus dem operativen Geschäft. Zum Jahresende verfügte Anthropic über rund 20,3 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln und kurzfristigen Anlagen.
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Das Wachstum beschleunigt sich weiter
Noch stärker als die Jahreszahlen fallen die jüngsten Entwicklungen ins Gewicht. Im zweiten Quartal 2026 erzielte Anthropic nach den vorliegenden Angaben einen Umsatz von rund 11,5 Milliarden Dollar. Damit erwirtschaftete das Unternehmen innerhalb von nur drei Monaten mehr als das Doppelte seines gesamten Umsatzes aus dem Jahr 2025.
Die Dynamik ist auch deshalb relevant, weil Anthropic damit zunehmend zu einem direkten Konkurrenten von OpenAI wird. Nach den in der Vorlage genannten Zahlen lag Anthropic im zweiten Quartal beim Umsatz vor OpenAI und erzielte zudem erstmals einen bereinigten operativen Gewinn von 559 Millionen Dollar. OpenAI verzeichnete dagegen weiterhin einen operativen Verlust in Milliardenhöhe. Die Entwicklung zeigt, wie schnell sich die Kräfteverhältnisse unter den führenden KI-Unternehmen verändern können.
Eine Bewertung von zwei Billionen Dollar im Raum
Für den geplanten Börsengang steht eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar im Raum. Damit würde Anthropic zu den wertvollsten Unternehmen gehören, die jemals an die Börse gegangen sind. Die Größenordnung liegt nur wenig über dem Niveau, das Investoren zuletzt auch für den Börsengang von SpaceX
Allerdings unterscheidet sich die Ausgangslage beider Unternehmen erheblich. Anthropic ist nahezu vollständig auf künstliche Intelligenz konzentriert und entwickelt sogenannte Frontier-Modelle, also besonders leistungsfähige KI-Systeme. Gleichzeitig wächst das Unternehmen derzeit mit einer Geschwindigkeit, die klassische Bewertungsmaßstäbe zunehmend an ihre Grenzen bringt. Bereits im August berichtete Reuters, Anthropic arbeite mit langfristigen Umsatzannahmen von rund 190 bis 200 Milliarden Dollar für 2028.
Ein Börsengang mit Folgen für Nvidia und die gesamte KI-Lieferkette
Die Bedeutung des Börsengangs reicht deshalb weit über Anthropic selbst hinaus. Ein erheblicher Teil der derzeitigen KI-Investitionen fließt in Rechenzentren, Grafikprozessoren, Netzwerktechnik, Stromversorgung und andere Infrastruktur. Anthropic selbst erwartet in den kommenden Jahren Verpflichtungen von rund 518 Milliarden Dollar für Cloud-Dienste, Rechenleistung und Infrastruktur.
Für Unternehmen wie Nvidia ist die Profitabilität der großen KI-Entwickler deshalb von zentraler Bedeutung. Solange die Anbieter leistungsfähiger Modelle steigende Umsätze erzielen und genügend Kapital zur Verfügung haben, können sie ihre Investitionen in Rechenkapazität weiter ausbauen. Ein erfolgreicher Anthropic-Börsengang könnte an den Märkten daher als Bestätigung interpretiert werden, dass hinter der enormen Nachfrage nach KI-Infrastruktur ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell entsteht.
Umgekehrt würde eine deutlich schwächere Aufnahme des Börsengangs Fragen über die Nachhaltigkeit der derzeitigen Bewertungen aufwerfen. Gerade weil so viel Kapital in den Ausbau der KI-Infrastruktur fließt, könnte die Bewertung eines führenden Modellanbieters als wichtiger Referenzpunkt für den gesamten Sektor dienen.
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Das Geschäftsmodell bleibt mit erheblichen Risiken verbunden
Trotz des enormen Wachstums weist der Börsenprospekt auf erhebliche Risiken hin. Anthropic erzielte im vergangenen Jahr fast ein Viertel seines Umsatzes mit lediglich zwei Kunden. Gleichzeitig seien viele wichtige Kunden nicht langfristig gebunden und könnten ihre Ausgaben reduzieren oder vollständig einstellen. Das macht das Unternehmen anfällig für Veränderungen bei der Nachfrage nach KI-Diensten.
Hinzu kommen die enormen laufenden Kosten. Die Entwicklung immer leistungsfähigerer KI-Modelle erfordert riesige Mengen an Rechenleistung und damit hohe Ausgaben für Chips, Energie und Rechenzentren. Anthropic muss somit nicht nur seine Umsätze massiv steigern, sondern langfristig auch zeigen, dass aus dem Wachstum dauerhaft ausreichende Margen entstehen können.
Anthropic warnt selbst vor den Risiken seiner Technologie
Besondere Aufmerksamkeit dürfte zudem ein ungewöhnlicher Abschnitt des Börsenprospekts erhalten. Anthropic warnt potenzielle Investoren ausdrücklich davor, dass hochentwickelte KI-Systeme „katastrophale oder existenzielle Risiken“ für die Menschheit verursachen könnten. Reuters berichtet, dass der 261 Seiten umfassende Prospekt umfangreich auf mögliche Fehlentwicklungen der eigenen Modelle eingeht.
Genannt werden unter anderem mögliche Verhaltensweisen wie der Versuch, eine Abschaltung zu verhindern, Informationen zu verbergen oder Menschen zu manipulieren. Anthropic betont zugleich, dass die Technologie enorme wirtschaftliche Chancen bietet und mit historischen Umbrüchen wie der Elektrifizierung oder der Industrialisierung vergleichbar sein könnte. Gerade diese Gleichzeitigkeit von enormem wirtschaftlichem Potenzial und weitreichenden Sicherheitsrisiken dürfte zu den ungewöhnlichsten Aspekten des Börsengangs gehören.
Ein ungewöhnliches Machtmodell für ein börsennotiertes Unternehmen
Auch die geplante Unternehmensstruktur hebt Anthropic von vielen anderen Technologieunternehmen ab. Laut Reuters soll eine neu geschaffene „Founder LLC“, der die sieben Mitgründer angehören, über eine einzelne Class-F-Aktie 50,1 Prozent der Stimmrechte bei wichtigen Unternehmensentscheidungen kontrollieren. Damit soll die langfristige Ausrichtung des Unternehmens stärker gegen kurzfristigen Marktdruck abgesichert werden.
Anthropic ist zudem als Public Benefit Corporation organisiert und hat seine Unternehmensführung ausdrücklich mit Fragen des gesellschaftlichen Nutzens und der Sicherheit künstlicher Intelligenz verbunden. Für Anleger bedeutet das, dass die Kontrolle über strategische Entscheidungen auch nach einem Börsengang ungewöhnlich stark bei den Gründern konzentriert bleiben könnte.
Der Börsengang als Lackmustest für den KI-Markt
Wann genau Anthropic an die Börse geht, ist weiterhin nicht endgültig festgelegt. Reuters berichtete zuletzt, dass der Börsengang nach den US-Kongresswahlen im November stattfinden könnte. Damit würde der Termin in eine Phase fallen, in der die Finanzmärkte ohnehin mit hohen Anleiherenditen, steigenden Finanzierungskosten und einer erhöhten Bewertung von Technologieunternehmen umgehen müssen.
Gerade deshalb dürfte die Aufnahme der Anthropic-Aktie an der Börse über das Unternehmen selbst hinaus Bedeutung bekommen. Eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar würde voraussetzen, dass Investoren an eine außergewöhnlich starke Expansion des KI-Geschäfts glauben. Der Börsengang könnte damit zu einem Referenzpunkt für die Bewertung der gesamten Branche werden – von den Modellanbietern bis zu den Chipherstellern und Rechenzentrumsbetreibern.
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Fazit
Anthropics geplanter Börsengang trifft auf eine KI-Branche, in der Wachstum, Kapitalbedarf und technologische Risiken eine bislang kaum gekannte Größenordnung erreicht haben. Ob die Märkte eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar akzeptieren, dürfte deshalb nicht nur die Zukunft von Anthropic prägen, sondern auch wichtige Signale für die Bewertung und Finanzierung des gesamten KI-Ökosystems liefern.
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