Commerzbank-Aktie: 10 Aufsichtsräte raus – Kontrolle ohne neue Prämie?

Kontrolle als Ziel
Vincent Uhr
UniCredit-Chef Andrea Orcel will offenbar deutlich schneller die Kontrolle über die Commerzbank übernehmen. Bereits im Januar könnte eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen werden. Bis Ende Februar sollen sämtliche zehn Anteilseignervertreter im Aufsichtsrat ausgetauscht sein. Für Aktionäre ist das brisant: UniCredit könnte die Bank dadurch faktisch beherrschen, ohne die verbliebenen Aktien mit einer zusätzlichen Übernahmeprämie kaufen zu müssen.

Der Aufsichtsrat ist der Schlüssel

UniCredit hält inzwischen 47,6% des Commerzbank-Kapitals und verfügt aufgrund der nicht stimmberechtigten eigenen Aktien der Bank über knapp 50% der Stimmrechte. Eine formale Mehrheit besitzt der italienische Konzern damit zwar noch nicht. Sein Anteil dürfte aber ausreichen, um bei einer Hauptversammlung zahlreiche Entscheidungen zu dominieren.

Nach einem Bericht der Financial Times will UniCredit alle zehn Anteilseignervertreter im insgesamt 20 Mitglieder starken Aufsichtsrat ersetzen. Dadurch erhielte der Konzern die effektive Kontrolle über das Kontrollgremium und könnte die zukünftige Besetzung des Vorstands sowie die strategische Ausrichtung maßgeblich beeinflussen.

Voraussetzung sind noch ausstehende Genehmigungen der Europäischen Zentralbank, der Europäischen Kommission und der polnischen Finanzaufsicht. Reuters konnte die Pläne bislang nicht unabhängig bestätigen. Weder UniCredit noch die Commerzbank wollten den Bericht kommentieren.

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Kontrollwechsel ist keine vollständige Übernahme

Für Aktionäre ist die Unterscheidung wichtig. Eine faktische Kontrolle über den Aufsichtsrat bedeutet nicht, dass UniCredit automatisch sämtliche Commerzbank-Aktien erwerben oder die Bank unmittelbar vollständig integrieren kann.

Orcel könnte jedoch die Geschäftspolitik bestimmen, ohne den verbliebenen Anteilseignern zunächst ein verbessertes Angebot vorlegen zu müssen. Genau davor hatte die Commerzbank bereits gewarnt: UniCredit strebe Kontrolle an, ohne dafür eine angemessene Kontrollprämie zu zahlen.

Auch der Bund gerät dadurch unter Druck. Deutschland hält weiterhin 13,3% der Aktien und beansprucht aufgrund der Bankenrettung von 2009 zwei Sitze im Aufsichtsrat. UniCredit soll diese Forderung ablehnen. Der bislang konstruktiv klingende Dialog könnte daher wieder deutlich konfliktreicher werden.

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Orcel plant einen radikalen Umbau

Nach einer Machtübernahme soll sich nicht nur die Führung ändern. UniCredit erwägt offenbar, rund 20 Milliarden € an Firmenkrediten außerhalb der Kernmärkte Deutschland und Polen abzubauen. Betroffen wären internationale Engagements, die nicht unmittelbar mit dem deutschen Mittelstandsgeschäft verbunden sind.

Zudem könnten Teile des internationalen Netzwerks geschlossen und Kosten für Berater, Marketing, Dienstreisen sowie Managementvergünstigungen reduziert werden. UniCredit hatte bereits signalisiert, dass bei einer Übernahme rund 7.000 Arbeitsplätze wegfallen könnten.

Finanziell kann der Umbau die Profitabilität erhöhen. Die Commerzbank will ihre Eigenkapitalrendite bis 2030 ohnehin auf 21% steigern. Ein schnellerer Kostenabbau könnte dieses Ziel unterstützen. Gleichzeitig würde die Bank jedoch einen Teil ihrer internationalen Wachstumsbasis verlieren und erhebliche Restrukturierungskosten riskieren.

Kursziele lassen kaum Spielraum

Die Commerzbank-Aktie notiert bei rund 42,40 € und damit bereits oberhalb des durchschnittlichen Analystenziels von 41,42 €. Citi erhöhte das Kursziel am Montag zwar von 40 auf 42 €, bleibt aber bei „Halten“. JPMorgan nennt 39 €, Morgan Stanley 44 €. Die gesamte Spanne reicht von 31,60 bis 45 €.

Damit setzt der Börsenkurs weiterhin auf einen wertsteigernden Ausgang des Übernahmekampfs. Eine reine Kontrolle über den Aufsichtsrat würde diese Hoffnung jedoch nicht automatisch erfüllen.

ℹ️ Commerzbank in Kürze

  • Die Commerzbank (WKN: CBK100) ist eine Universalbank mit Sitz in Frankfurt am Main. Gemessen an der Bilanzsumme ist sie das viertgrößte Geldhaus Deutschlands.
  • Das Bankinstitut betreut rund elf Millionen Privat- und Firmenkunden in Deutschland und Europa und besitzt mit rund 400 Filialen eines der dichtesten Filialnetze aller deutschen Privatbanken.
  • Die Aktie ist im DAX gelistet, an der Börse ist die Commerzbank derzeit aktuell mit 45,9 Milliarden € bewertet.

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Vincent Uhr

Fazit

Orcels Zeitplan macht einen baldigen Kontrollwechsel wahrscheinlicher, aber nicht zwingend eine höhere Prämie. Bestehende Aktionäre können die Entwicklung abwarten. Für einen Neueinstieg ist mir die Aktie bei über 42 € zu stark von einem finanziell attraktiven Angebot abhängig, das UniCredit möglicherweise gar nicht benötigt.