Die Tencent-Aktie ist am heutigen Donnerstag in Hongkong deutlich gestiegen. Sie legte um knapp 6% zu und erreichte zeitweise 425,40 HK$. Das ist der höchste Stand seit drei Wochen. Auslöser ist das neue KI-Modell Hy4, das der Konzern am Mittwoch vorgestellt hat. Damit stellt sich die Frage: Bringt Hy4 Tencent im chinesischen KI-Rennen so weit nach vorn, dass Anleger die Aktie jetzt neu bewerten sollten?
Hy4 sieht und steuert
Das Hunyuan-Team von Tencent hat Hy4 am 4. November offiziell vorgestellt. Das Sprachmodell hat 770 Milliarden Parameter. Das sind die Stellgrößen, die ein Modell im Training lernt. Zum ersten Mal kann ein Tencent-Modell Bilder verstehen, komplexe Diagramme auswerten und mathematische Aufgaben anhand von Abbildungen lösen. Außerdem kann Hy4 Computer selbst bedienen, über Kommandozeilen ebenso wie über grafische Oberflächen. Tencent hat das Modell auch auf professionelle Software wie Blender und CAD-Programme sowie auf Aufgaben aus der Finanzbranche trainiert.
Tencent hat gemeinsam mit der eigenen Finanztechnologie-Sparte einen Blindtest mit 213 Finanzfachleuten durchgeführt. Nach Unternehmensangaben war Hy4 dabei das beste frei verfügbare Modell und lag vor der Konkurrenz von DeepSeek, Kimi und Z.ai. Weil Tencent den Test selbst ausgewertet hat, gewichte ich das Ergebnis zurückhaltend. In den kommenden Tagen will der Konzern die Modellgewichte veröffentlichen. Das sind die trainierten Kerndaten, mit denen Entwickler das Modell selbst betreiben können. Zusätzlich hat Tencent eine günstigere Variante namens Hy4 Flash angekündigt.
Reichweite kommt vor Ertrag
Für das Geschäft zählt vor allem, dass Hy4 in die eigenen Plattformen kommt. Das Modell soll in die Arbeitsplattform WorkBuddy und den Programmierassistenten CodeBuddy eingebaut werden. Später sollen auch QQ, der Assistent im Firmenchat WeCom, das Spiel Honor of Kings und Tencent News folgen. Diese große Nutzerbasis ist für mich das stärkste Argument von Tencent im chinesischen KI-Wettbewerb. Zunächst kostet die Verbreitung aber Geld: WorkBuddy und CodeBuddy sind vom 4. bis 15. November kostenlos, und über die Cloud-Plattform TokenHub gibt es Hy4 bis zum 31. Dezember 2026 zum halben Preis.
Analysten bleiben zuversichtlich
CICC hat die Einstufung "Outperform" mit einem Kursziel von 666 HK$ bestätigt. Die Analysten sehen Tencents Schwerpunkt inzwischen beim Aufbau eines Umfelds für KI-Agenten, also Programme, die Aufgaben selbstständig erledigen. Dort könnten die Größe und die Plattformen des Konzerns immer stärker zum Vorteil werden. Jefferies bleibt bei "Buy" mit einem Kursziel von 711 HK$ und hält Hy4 bei komplexen, langen Analysen und beim Bildverständnis für überlegen. Citi ist vorsichtiger: Dort gilt Hy4 als schrittweise Verbesserung, mit der Tencent zur Spitzengruppe der offenen KI-Modelle aufschließt. Vom aktuellen Kurs aus liegen die Ziele von CICC und Jefferies rund 57% beziehungsweise 67% höher.
Washington wirkt doppelt
Ein zweiter Grund für den Anstieg ist der Ausgang der US-Zwischenwahlen. Die Demokraten haben beide Kammern des Kongresses zurückgewonnen. Wenn sich Präsident und Parlament die Macht teilen, rechnet der Markt mit weniger neuen Auflagen und Handelshürden für chinesische Technologiekonzerne. Ein anderer Fall zeigt allerdings, wie stark die Politik Tencent einschränkt. Oracle hat auf Druck der US-Regierung einen Mietvertrag für Chips gekündigt. Er hätte Tencent fünf Jahre lang Zugang zu rund 100.000 modernen KI-Chips in Rechenzentren in Südostasien gegeben, das Volumen lag Schätzungen zufolge bei etwa 7 Milliarden US$. Gleichzeitig drängen Vertreter der Provinz Guangdong Tencent dazu, chinesische Chips zu nutzen. Ich sehe darin das größte Risiko für die KI-Strategie, denn ohne genug Rechenleistung lässt sich ein Modell wie Hy4 kaum in großem Umfang betreiben.
Bewertung bleibt moderat
Gemessen an den Gewinnschätzungen der Analysten für 2026 lag das KGV im Oktober bei rund 11. Nach dem jüngsten Anstieg ist es etwas höher. Für einen Konzern, dem Analysten für 2026 ein Umsatzplus von rund 11% auf knapp 979 Milliarden HK$ und eine Nettomarge von gut 32% zutrauen, ist das trotzdem wenig. Den Abschlag erklärt aus meiner Sicht vor allem das politische Risiko. Bis Oktober hatte die Aktie seit Jahresbeginn gut 34% verloren.
Fazit
Ich halte Hy4 für einen ernstzunehmenden Schritt, der Tencents Position im chinesischen KI-Wettbewerb stärkt. Der Kurssprung beruht aber vor allem auf Erwartungen, denn die Einführung läuft zunächst über Gratisangebote und Rabatte. Entscheidend wird nun sein, ob die Zahlen zum dritten Quartal, die voraussichtlich am 18. November kommen, zeigen, dass die hohen KI-Ausgaben Umsatz und Marge tragen. Ebenso wichtig ist, wie Tencent die fehlenden Oracle-Chips ersetzt. Bei der niedrigen Bewertung schätze ich das Verhältnis von Chancen zu Risiken positiv ein. Für bestehende Anleger könnte es sinnvoll sein, die Aktie zu halten. Ein Neueinstieg könnte nach den Quartalszahlen interessanter werden, wenn sich der KI-Schub bereits in den Ergebnissen zeigt. Wer früher kauft, müsste weitere Eingriffe aus Washington bewusst einkalkulieren.
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