Nach dem Absturz auf ein 13-Jahres-Tief erholt sich die Evotec-Aktie am heutigen Mittwoch deutlich. Am Vormittag kostete das Papier 2,61 € und lag damit 7,05% über dem Xetra-Schluss vom Vortag. Noch am Dienstag war der Kurs bis auf 2,41 € gefallen. So tief stand die Aktie seit 13 Jahren nicht mehr. Auslöser der Erholung sind vorläufige Zahlen für Q1-Q3, die über den Erwartungen der Analysten liegen. Beginnt hier die Wende, oder ist das nur eine kurze Pause im Abwärtstrend?
Zahlen schlagen den Konsens
Per Ad-hoc-Mitteilung meldete der Hamburger Wirkstoffentwickler am späten Dienstagabend Zahlen für Januar bis September. Der Konzernumsatz lag bei rund 465 Millionen €, das bereinigte EBITDA bei rund minus 42,8 Millionen €. Beide Werte waren besser als vom Markt erwartet. Evotec selbst erklärt den Vorsprung vor allem damit, wie sich die Konsensschätzungen über das Jahr verteilen. Am Geschäftsverlauf im Gesamtjahr habe sich strukturell nichts geändert. Die vollständigen Zahlen legt der SDAX-Konzern am 5. November 2026 vor.
Die Jahresprognose bleibt unverändert. Für 2026 rechnet Evotec weiter mit einem Umsatz von 570 bis 610 Millionen € und einem bereinigten EBITDA von minus 70 bis minus 105 Millionen €. Zu konstanten Wechselkursen nennt das Unternehmen 595 bis 635 Millionen € Umsatz und ein bereinigtes EBITDA von minus 60 bis minus 90 Millionen €. Diese Ziele hatte Evotec erst Mitte Juli kräftig gesenkt. Ursprünglich waren 700 bis 780 Millionen € Umsatz geplant. Als Gründe nannte der Konzern damals Meilensteinzahlungen, die sich verzögerten, und Partnerschaften, die später als geplant zustande kamen.
Das Schlussquartal ernüchtert
Die bestätigte Prognose wirkt beruhigend. Rechnet man nach, ist sie aber wenig ehrgeizig. Für das vierte Quartal bleiben 105 bis 145 Millionen € Umsatz übrig. In den ersten drei Quartalen hat Evotec dagegen im Schnitt rund 155 Millionen € pro Quartal eingenommen. Das bereinigte EBITDA würde im Schlussquartal zwischen minus 27,2 und minus 62,2 Millionen € liegen. Das Management lässt sich damit viel Spielraum. Weil Evotec stark von Meilensteinzahlungen abhängt, ist das nachvollziehbar. Ein Signal für steigende Umsätze lese ich daraus aber nicht.
Genau hier liegt die Schwachstelle: Die Umsätze lassen sich schwer planen. Berenberg-Analyst Christian Ehmann kritisierte das Ende September nach einem Gespräch mit Vorstandschef Christian Wojczewski. Aus seiner Sicht verdecken die kommerzielle Neuausrichtung und verzögerte Meilensteine die wissenschaftliche Stärke des Konzerns. Dazu kommt Unruhe im Management: Wissenschaftschef Dohrmann hat das Unternehmen Ende September verlassen, ein Nachfolger wird noch gesucht.
Kursziele weit auseinander
Bei den Analysten gehen die Meinungen deutlich auseinander. RBC bestätigte nach den Eckdaten die Einstufung "Outperform" mit einem Kursziel von 10 €. Analyst Charles Weston verweist auf eine Verbesserung gegenüber dem Vorquartal. Schon im April sah er im Konzern Werte, die der Markt noch nicht erkennt. Berenberg stuft die Aktie mit "Hold" und einem Kursziel von 3,60 € ein. Auch die Deutsche Bank empfiehlt seit Juli, die Aktie zu halten. Im Durchschnitt liegt das Kursziel der Analysten bei 5,70 €.
Der Kursverlauf zeigt, wie stark das Vertrauen gelitten hat. Anfang Mai stand die Aktie noch bei rund 5,47 €. Nach der gesenkten Prognose im Juli fiel sie unter 4 € und rutschte danach weiter ab. Der Markt zweifelt offenbar stark daran, dass Evotec bald wieder Gewinne macht.
Fazit
Ich werte die Eckdaten als Lichtblick nach Monaten voller Enttäuschungen. Eine Trendwende sind sie für mich noch nicht. Der Vorsprung beruht nach Unternehmensangaben vor allem auf dem Timing der Schätzungen, und die bestätigte Prognose lässt für das Schlussquartal wenig Dynamik erwarten. Den Kurssprung vom Mehrjahrestief halte ich deshalb vor allem für eine Erleichterungsreaktion.
Entscheidend wird sein, ob Evotec mit dem vollständigen Quartalsbericht klar zeigen kann, wann die verzögerten Meilensteine und Partnerschaften Geld bringen. Ebenso wichtig ist, wie der Weg zurück zu einem positiven EBITDA aussehen soll. Erst wenn die Umsätze besser planbar werden, könnte ein Kursziel wie das von RBC wieder realistisch wirken. Bis dahin hängt der Kurs vor allem an der Hoffnung.
Wer neu einsteigen möchte, könnte die Entwicklung bis zum Quartalsbericht von der Seitenlinie aus beobachten. Auf dem aktuellen Niveau ist schon viel Pessimismus im Kurs enthalten, bei einem Wirkstoffentwickler mit Verlusten bleibt das Risiko weiterer Enttäuschungen aber hoch. Aktionäre, die bereits investiert sind, könnten ihre Position bis dahin halten. Ein Verkauf auf dem stark gedrückten Niveau wäre aus meiner Sicht der falsche Moment, solange sich die Prognose als belastbar erweist.
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